Von Bernd Niquet
Eigentlich ist es gleich ein doppelter Widersinn: Der Staat greift derzeit heftig in das Marktgeschehen ein und wird dafür gerade von denen getadelt, die mit einem freien Markt eigentlich nicht viel am Hut haben. Und spiegelbildlich von denen gelobt, die ansonsten eher einem völlig freien Markt das Wort reden.
So kommt denn auch die Kritik an diesen Maßnahmen zum großen Teil aus Bereichen, wo unsere Marktwirtschaft, so wie sie sich herausgebildet hat, mehr gehasst als gewertschätzt wird. Nämlich von denjenigen, die sich für klüger halten als der Markt, die schon immer gesagt haben, dass unser Geldwesen zum Untergang verurteilt sei und stets im Gold einen geeigneten Anker sehen. Wohingegen der Beifall oder zumindest die implizite Übereinstimmung gerade aus den vielen liberalen Lagern zu vernehmen ist.
Doch in welchem Maße handelt es sich bei dem am vergangenen Wochenende beschlossenen Hilfsakt für die beiden großen US-Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac überhaupt um einen zusätzlichen Markteingriff des Staates? Zu Fannie Mae habe ich ein durchaus romantisches Verhältnis, von dem ich kurz erzählen will:
Anfang der 80er Jahre hatte ich ein Konto in der Schweiz und war in Zürich, um mit Zero-Anleihen auf sinkende Zinsen zu spekulieren. Die UBS konnte (oder wollte) damals für mich keine US-Staatsanleihen kaufen und empfahl mir daher Fannie Mae. Denn die seien so gut wie Staatspapiere, hieß es. Schließlich handelte es sich hierbei um die „Federal National Mortgage Association“ und damit um mit einer zumindest impliziten Staatsgarantie versehene Form von Anleihen. Ich habe damals zu etwa 3 Prozent gekauft und die Papiere am Ende des Zinssenkungsprozesses zu mehr als 30 Prozent wieder herausgegeben.
Damals war von einer Hypothekenkrise noch nichts zu merken. Es existierte zwar ein leichter Discount zu den reinen Staatspapieren, doch das war nicht dramatisch. Fannie Mae-Anleihen waren eben keine Staatspapiere, aber eben fast Staatspapiere. Dass der Staat in den USA dieses Institut ins Leben gerufen hat, um kleinen Hypothekenbanken die Refinanzierung zu erleichtern und dadurch vielen Bürgern eigenes Wohneigentum zu verschaffen, die ansonsten das nicht geschafft hätten, daran nahm damals niemand Anstand.
Hier haben die USA eine Soziale Marktwirtschaft betrieben – wohingegen bei uns davon nach Ludwig Erhard immer nur geredet wurde. Doch wenn der Staat nun Anleihen, für die er ohnehin mehr oder weniger selbst den Namen gegeben hat, ankauft, um sie später vielleicht sogar mit deutlichem Gewinn wieder zu verkaufen, dann sei das plötzlich ein heftiger Eingriff in den Markt, so hört man heute. Und es sei ein Schritt, der die Grundlagen der Selbstverantwortung außer Kraft setze und so jedem großspurigen Scharlatan Tür und Tor öffne. Für mich ist das eine sehr merkwürdige Logik.
Wenn diese Maßnahme, von der im Übrigen noch niemand weiß, welches Ausmaß sie haben und wie sie genau ablaufen wird, wirklich ein Selbstmord des freien Marktes ist, dann scheint es wohl tatsächlich so zu sein, dass der Selbstmord eine sehr tragfähige Lebensform darstellt. Denn leben wir nicht alle wunderbar mit diesem Selbstmord? (Der im Übrigen ja von einer schon von Anbeginn an für den freien Markt gestorbenen Institution vollbracht wurde.) Natürlich ist es problematisch und könnte auch teuer werden, wenn große Akteure stets auf Kosten der Allgemeinheit gerettet werden. Doch sie auf Kosten der Allgemeinheit untergehen zu lassen, ist noch viel problematischer und in jedem Fall weit teurer.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
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