Von Bernd Niquet
Ich glaube, die Welt braucht keine Romane mehr. Die Realität ist mittlerweile facettenreich genug. Ich sitze gerade am Fenster und beobachte, wie es schneit. Die S-Bahn vor meinem Fenster fährt nur noch selten, und auch sonst ist es sehr ruhig. Nur dort, wo früher einmal Kinder gespielt haben, donnert jetzt kurz eine Schneeräummaschine entlang.
Früher war ein Winter einfach nur ein Winter. Und Schneefall das normalste von der Welt. In unserer technisch hochgezüchteten Welt scheint dann jedoch alles gleich zusammenzubrechen. Robust sind wir heute wirklich nicht.
Doch nichts geht über den Fernseher. Auch wenn das zur Jahresmitte gekaufte neue Gerät jetzt schon die ersten Defekte aufweist, er bricht noch nicht ganz zusammen. Niemals vorher habe ich jemals so detailgenau mitbekommen, wie man es schafft, unerwünschte Zeitgenossen zu Unpersonen zu machen, wie derzeit beim Chef der Wikileaks-Internetseite.
Ich will das nicht bewerten, dazu stehen zu heftige Vorwürfe im Raum. Ich beobachte einfach, wie plötzlich das gesamte Establishment zusammensteht wie eine Armee.
Da gibt es zuerst Attacken von Geheimdiensten auf dessen Internetseite, dann die Untersagung des Ausweichens auf Amazon-Server, dann die Domainsperrung, dann der Ausschluss bei PayPal, bei Mastercard und schließlich auch bei Visa.
Ein Gespenst geht um in der Welt. Und alle Mächte des alten Establishments haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet. Das kommt einem irgendwie bekannt vor – oder?
Und dann die Vergewaltigungsvorwürfe und die merkwürdige Behandlung dieses Falles mitsamt eines völlig ungewöhnlichen internationalen Haftbefehls via Interpol. Und gerade zu einem Zeitpunkt, in dem es ganz darauf ankommt.
Und am allerschlimmsten fast die suggestive Berichterstattung in den Medien, die den Lesern und Zuschauern stets unterschwellig das Gefühl gibt, es hier mit einem bösen Buben zu tun zu haben. Obwohl die eigentlichen bösen Buben doch ganz woanders sitzen.
Aber es gibt auch Erheiterndes. So hat der Berliner Schriftsteller Jochen Schmidt auf seiner Facebook-Seite geschrieben: „Sex mit Anna vor dem Vortrag und mit Sofia danach, bei einer den Sozialdemokraten nahestehenden Veranstaltung? Vielleicht hätte ich doch Informatik zu Ende studieren sollen.“
Eine schönere Hoffnung lässt sich sicherlich kaum vermitteln.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
… AUCH IM SPÄTHERBST IMMER NOCH AKTUELL: DIE FINANZKRISE!
Bernd Niquet, "Wie ich die Finanzkrise erfolgreich verdrängte", Leipzig 2010, 465 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86901-830-0.
Einige prominente Stimmen zum Buch:
„Es hat mir die Augen geöffnet.“ Bernard L. Madoff
„Ich schreibe seitdem ein eigenes Buch.“ Jérôme Kerviel
„Wir sind noch gar nicht tot.“ Richard Fuld
„Ich auch nicht.“ Bernard Cornfeld
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