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Rettungsaktionen ohne Sinn?

Mittwoch, 10. September 2008 um 13:42

Von Jochen Steffens
Und nun streiten sich die Analysten: War die Übernahme der Hypothekenriesen Fannie und Freddie das Ende der Krise in den USA oder nicht? Mich erinnert das alles ein wenig an die vorangegangene große Finanzmarktkrise, die Schieflage des LTCM-Hedge-Fonds. LTCM (Long Term Capital Management) war in den 90er Jahren der größte Hedge-Fonds. Er wurde 1994 von John Meriwether gegründet, der zuvor Vize-Chef und Leiter des Rentenhandels bei Salomon Brothers gewesen war. Unter den Direktoren befanden sich auch Myron Scholes und Robert C. Merton, die 1997 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für ihre Arbeiten zur Bewertung von Finanzoptionen erhalten sollten. Ein Jahr vor dem Desaster, versteht sich. Nach dem Hoch kommt der freie Fall, eine Eigenart des Seins.

Aber auch so illustre Mitglieder wie der Harvard-Professor Eric Rosenfeld und David Mullins, ehemaliger Vizepräsidenten der Federal Reserve Bank, ließen den Eindruck entstehen, hier handelt es sich um echte Fachleute. So Jungs mit großem Know-how eben, die wissen wie man den Märkten ein paar Cents abluchst. Das müssen jedenfalls die Kunden gedacht haben, die bereits bei der Gründung des Fonds bereit waren, insgesamt 1,3 Milliarden Dollar zu investieren. Gut, die Mindestanlagesumme betrug auch 10 Millionen Dollar – ein Fonds für Reiche.

Anfangs lief es auch, wie sollte es anders sein, richtig gut. Ende 1997 verfügte der Fonds bereits über 7,3 Milliarden Dollar Eigenkapital. 2,7 Milliarden Dollar wurden davon sogar ausgeschüttet – doch es kam wie es kommen mußte. Der Fonds wurde zu groß und immer, wenn zu große Tanker im Markt Schlagseite kriegen (wie Fannie und Freddie), spekulieren zunächst die großen, dann auch die kleineren Trader gegen diese Schieflage und verschärfen sie dadurch zusätzlich. Bei LTCM stürzten sie sich sozusagen wie Piranhas auf einen angeschlagenen, blutenden Wal.

Auslöser Rußlandkrise

Der Auslöser für die Schieflage waren Turbulenzen durch die Rußlandkrise 1998. Das Problem war dabei auch weniger, daß LCTM auf das falsche Pferd gesetzt hatte, sondern daß die Summen zu groß waren, um die es ging. LCTM konnte sich einfach nicht so schnell wieder aus den Märkten verabschieden, ohne die eigenen Kurse kaputt zu machen. Denn mit einem Eigenkapital von 4,5 Milliarden und 125 Milliarden Dollar auf Kredit wurde über Derivate Investitionen in einem Gesamtvolumen mehr als über 1,3 Billionen Dollar getätigt! Im Zuge der Krise schrumpfte schließlich das Eigenkapital. Anfang September waren nur noch 250 Millionen Dollar Eigenkapital übrig. Dem standen zu diesem Zeitpunkt immer noch Kredite von 80 Milliarden Dollar (!) gegenüber.

Nach einigen Rettungsversuchen schritt dann die US-Notenbank unter Alan Greenspan ein. Die Gefahr, daß die Schieflage von LTCM schwerwiegende Konsequenzen für das weltweite Finanzsystem hatte, war einfach zu groß – so seine Begründung. (Auch das erinnert an die aktuelle Begründung der US-Regierung.) Ein von der Fed koordiniertes Konsortium, bestehend aus 14 Finanzinstituten, stellte kurzfristig 3,65 Milliarden Dollar zur Verfügung, um die Kredite abzusichern und erhielt dafür 90 Prozent der Anteile an LTCM.

Interessant ist, daß damals schon, gleich nach dieser Krise, davor gewarnt wurde, daß die laschen Kreditlinien vieler Großbanken beunruhigend seien und die finanziellen Reserven zu niedrig angesetzt wären. Hätte doch jemand aus der Vergangenheit gelernt...

Und das ist auch das Problem. Durch das beständige staatliche Eingreifen bei Krisen wird ein Lerneffekt verhindert, der damals vielleicht schon zu einem Umdenken geführt hätte. Und offenbar werden die Dimensionen, um die es bei diesen Eingriffen geht, immer größer. Eigentlich sollte man es einmal zu einem großen Zusammenbruch kommen lassen. Mir wäre es egoistischerweise allerdings ganz lieb, wenn das erst nach meinem Ableben passieren würde...

Ich frage mich nämlich, wieviel Kritik gekommen wäre, wenn der Zusammenbruch der Hypothekenbanken eine lange und tiefe Weltwirtschaftskrise verursacht hätte, mit Hunger, Krieg, sozialen Unruhen und anderen fatalen Folgen. Das Problem ist wohl, daß die Fehler bereits weit in der Vergangenheit gemacht wurden und jetzt bleibt den Regierungen kaum noch etwas anderes übrig als so zu handeln – ob sie wollen oder nicht (so scheint es zumindest bisher).

Es geistern dabei viele Zahlen umher, welche Belastung auf die US-Regierung zukommen wird. Fakt ist, daß die US-Staatsverschuldung zulegen wird. Schließlich sollen fast die Hälfte aller US-Hypotheken im Wert von insgesamt 5,2 Billionen (!) Dollar über diese beiden Institute abgesichert sein. Dem soll lediglich ein Eigenkapital von zusammen knapp 55 Milliarden Dollar gegenüberstehen (im Prinzip eine ähnliche Relation wie bei LTCM). Natürlich verbriefen die Hypotheken auch entsprechende Werte. Wie hoch aber die Belastung für den US-Haushalt, wie stark die ohnehin schon hohe Staatsverschuldung in den USA zulegen wird und wie groß die Belastung für den einzelnen Steuerzahler in den USA ist, weiß aber offenbar noch niemand.

Krisen sind immer Chancen

Am 23.09.1998 wurde die Rettung des LTCM beschlossen. Doch anschließend kam es erst noch einmal zu einem stärkeren Abverkauf. Erst als sich zeigte, daß die Rettung auch funktionierte, erholten sich die Kurse vergleichsweise schnell. Das könnte auch in der aktuellen Situation passieren. Zu viele Analysten sind skeptisch. Ich lese Kommentare, daß diese Rettungsaktion doch geradezu beweise, wie schlimm es wirklich um die USA stehe.

Sollte sich jedoch zeigen, daß diese Rettungsaktion das Vertrauen der Banken untereinander wieder festigt und sollte sich zeigen, daß die Hypothekenzinsen nun doch sinken, die Häuserpreise wieder anziehen, wird der Markt zumindest mit einer beachtlichen Erholungsrallye reagieren. Ob es zuvor noch einmal zu einem weiteren kleinen Einbruch kommt, wie damals bei LTCM, müssen wir leider abwarten.

Wenn sich allerdings zeigen sollte, daß selbst diese Rettungsaktion zu keiner Beruhigung an den Kreditmärkten führt – sollten wir uns alle warm anziehen....

Jochen Steffens ist Chefredakteur des kostenlosen Newsletters "Steffens Daily". Weitere Informationen finden sie hier.

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