Von Wolfgang Braun
Es gibt viele Theorien darüber, wann Börsen steigen und wann sie fallen. Am Ende ist es aber ganz einfach: Steigende Kurse sind dann zu erwarten, wenn viele Anleger in Aktien investieren wollen. Und das ist aktuell der Fall – und zwar nicht ohne Grund. Die Versorgung der Finanzmärkte mit Liquidität ist nach wie vor hoch. Nach dem Schock durch die Finanzkrise, die die Aktienkurse massiv einbrechen ließ und die Finanzbranche an den Rand des Zusammenbruchs brachte, war lange Zeit Sicherheit das A und O bei Investitionen. Im Gegenzug verzichteten Anleger auf Renditechancen. Das Sicherheitsbedürfnis führte zu einem Boom der Anleihemärkte, die kaum nachvollziehbare Höhen erklommen haben. Warum die Staaten in Zeiten extremer Neuverschuldung die tiefsten Zinsen seit dem 2. Weltkrieg zahlen müssen, lässt sich plausibel nicht erklären.
Doch die Finanzkrise verliert langsam an Einfluss und der Risikohunger der Anleger steigt. Da es zuletzt Anzeichen für eine wieder auflebende Inflation gab, reichen vielen Investoren die mageren Renditen bei Staatsanleihen nicht mehr. Größere Chancen müssen her und da bietet sich der Aktienmarkt an. Schließlich sind die Rahmenbedingungen für Dividendentitel nicht schlecht: Die Zinsen sind weltweit auf sehr niedrigem Niveau, die Konjunktur dafür – zumindest in Europa und Asien – in einer Erholungsphase. Dazu bieten Aktien im Vergleich zu Staatspapieren attraktive Bewertungen. Während die Rendite bei deutschen oder US-Anleihen unter 3 Prozent liegt, bringt es der Dax auf eine Rendite (100 geteilt durch Index-KGV) von mehr als 7 Prozent. Eine so hohe Differenz gab es in den vergangenen Jahrzehnten selten.
Im Anleihemarkt steckt noch sehr viel schlecht verzinstes Geld. Viele Anlageberater dürften durch den jüngsten Börsenanstieg unter Zugzwang stehen. Um ihre Rendite aufzubessern, müssen sie auf den fahrenden Zug aufspringen. Solche Nachzügler sind wohl auch der Grund, dass aktuell schon kleine Kursrücksetzer sofort ausgebügelt werden. Der Nachholbedarf dürfte die Aktienkurse noch eine Weile treiben. In Anbetracht der starken Marktüberhitzung wäre eine vorübergehende Korrektur aber wünschenswert.
Wolfgang Braun ist Chefredakteur des Börsenbriefs „Aktien-Strategie“. Weitere Informationen zum Börsenbrief finden sie hier.
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