Von Wolfgang Braun
Nachdem vor allem im August die Sorgen um ein mögliches Double Dip in den USA die Börsenentwicklung überschatteten, sind die Ängste inzwischen verflogen. Seit Beginn des eigentlich als „Angstmonat“ bekannten Septembers hat der Dax rund 6 Prozent zugelegt. Das entspricht etwa der durchschnittlichen Performance, die der Index sonst im Gesamtjahr schafft. Die Optimisten gewinnen zunehmend die Oberhand: Es kursieren bereits wieder Kursziele, die den Dax bei 7.000 Zählern und mehr sehen. Die relativ günstigen Bewertungen sowie der anhaltende Anlagenotstand stützen diese Argumente. Dazu kommt die Charttechnik: Wird das bisherige Jahreshoch bei knapp 6.400 Zählern übersprungen, dürften viele Shortpositionen geschlossen werden und so den Index in die Höhe treiben.
Dennoch passt der Optimismus nicht richtig zu den Rahmenbedingungen. Selbst die US-Notenbank räumt inzwischen ein, dass die Vereinigten Staaten nach wie vor in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken. US-Präsident Barack Obama will mit weiteren Konjunkturhilfen einen erneuten Absturz verhindern. Die bislang avisierten 50 Milliarden Dollar sind bei einem BIP von 14 Billionen Dollar aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Mehr Geld ist schwer zu beschaffen, da das Staatsdefizit schon jetzt bei rund 10 Prozent liegt. Wegen der verschlechterten Wachstumsperspektiven haben die Analysten ihre Gewinnschätzungen für das dritte Quartal schon etwas zurückgenommen. Nachdem die Unternehmensdaten zuletzt regelmäßig Freudenstürme auslösten, könnte es in der anstehenden Berichtssaison die ein oder andere böse Überraschung geben. Auch in Europa brodeln die Verschuldungsprobleme weiter: Die Renditen für Anleihen von Irland und Portugal liegen auf Rekordniveau. Die Griechen müssen nach wie vor mehr als 10 Prozent bieten, damit sie noch Abnehmer für ihren gigantischen Schuldenberg finden.
Die aktuelle Börsenlage ist eine Gratwanderung. Auf der einen Seite will kein Anleger einen Kursaufschwung versäumen. Allerdings sind die Probleme ungelöst, auch kräftige Rückschläge auf keinen Fall auszuschließen. Am ehesten scheinen sich noch Investments bei ausgesuchten Nebenwerten zu lohnen. Die sind teils noch extrem günstig und könnten sich auch in einem schwierigeren Marktumfeld halten.
Wolfgang Braun ist Chefredakteur des Börsenbriefs „Aktien-Strategie“. Weitere Informationen zum Börsenbrief finden sie hier.
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