Neulich schrieb mir ein Leser, die Kurse an den Märkten befänden sich derzeit auf einem lächerlichen Niveau. Daraufhin fragte ich zurück, was er denn konkret damit meine, lächerlich hoch oder lächerlich niedrig?
Als Antwort bekam ich die folgende Liste: Standardaktien USA: grotesk hoch, Standardaktien EUR: zu hoch, Rohstoffaktien: deutlich unterbewertet, Edelmetalle: viel zu niedrig, Leitzinsen USA: zu niedrig, Leitzinsen EUR: zu hoch, Langfristzinsen weltweit: grotesk zu niedrig, US-Dollar: grotesk überbewertet.
Das ist wie ein Blick in ein Gehirn, denke ich. Auch ohne diesem Menschen näher zu treten, kann ich jetzt genau sagen, wie er denkt, woran er glaubt und was er befürchtet. Doch mir geht noch etwas anderes dabei im Kopf herum: Anscheinend glauben wir heute alle, klüger als der Markt zu sein.
Nach der Effizienzmarkttheorie bringt der Markt stets die vorhandenen Informationen in bestmöglicher Weise hervor – niemand kann prinzipiell klüger als der Markt sein. Darüber mag man anlässlich vielfach zu beobachtender Marktkapriolen schmunzeln und daran mag man auch zweifeln. Doch niemand sollte vergessen, dass hier die Wurzeln unserer gesamten Wirtschaftsverfassung und Demokratie liegen! Ziel jeder freien Wirtschaftsverfassung ist es nämlich, die dezentral verstreuten Informationen sich in optimaler Weise über einen Abstimmungsprozess (=Markt) bündeln zu lassen.
Dahinter steht der Glaube, dass das Ergebnis dieses Prozesses jeder Einzelmeinung überlegen ist. Doch was für ein merkwürdiger Befund, dass wir das zwar so entschieden haben und dies auch immer wieder vertreten, es jedoch anscheinend selbst nicht glauben. Weil wir uns überlegen fühlen. Und ich schließe mich keinesfalls aus, schließlich gehe auch stets davon aus, dass viele Dinge entweder über- oder unterbewertet sind – und es von daher lukrativ ist, sie zu kaufen oder zu verkaufen.
Doch ist es eigentlich legitim, das zu tun? Je länger ich darüber nachdenke, desto ehe tendiere ich dazu, diese Frage zu verneinen. Natürlich können wir stets versuchen, die Wahrnehmung der Millionen von Händler und Marktteilnehmer zu hinterfragen, die sie dazu treiben, die Kurse so festzusetzen, wie sie sie gerade festsetzen. Doch erinnert das nicht eher an den Witz vom Insassen in der Psychiatrie, der sich selbst für den Pfleger und den Pfleger für den Insassen hält?
Kann es nicht vielleicht wirklich sein, dass der Verlauf der Märkte in der gegenwärtigen Finanzkrise gar nicht so irrational ist? Zuerst hat man nicht an die Größenordnung der Kalamitäten geglaubt. Menschen sind jedoch so. Natürlich waren einige schlauer. Doch was ist eigentlich mit denjenigen, die in den Jahren 2000 bis 2003 dem Dax den größten Verlust in seiner Geschichte beschert haben, einen Verlust, der sich größer zeigte als sogar derjenige in den Schicksalsjahren von 1929 bis 1933? Da waren anscheinend auch viele vermeintlich „schlauer“. Doch deren Schlauheit hat sich im Endeffekt als Dummheit heraus gestellt.
Märkte bilden also – im Unterschied zur konventionellen Weisheit – niemals die Faktenlage ab, sondern stets und immer den Glauben von Menschen. Und wenn Menschen an Untergang glauben, dann ist Untergang. Das ist rational. Ich akzeptiere daher den heftigen Kursrutsch zum Ende dieser Woche. Die Menschen glauben jetzt an Schlimmeres. Und ich akzeptiere diese Weisheit.
Doch ob es sich nun um eine Über- oder Unterbewertung handelt, darüber akzeptiere ich, keine Aussage machen zu können. Denn dazu müsste ich ja glauben, dass der Markt die Fakten abbildet, was jedoch nicht der Fall ist. Das Einzige, was ich also gegenwärtig recht sicher weiß, ist, dass Menschen gemeinhin recht schnell wieder die Lust am Untergang verlieren. Und dass man wirtschaftliche Untergänge an den Finanzmärkten zwar antizipieren, aber niemals direkt herbeiführen kann.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
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