Von Bernd Niquet
Überall redet man von der Explosion unseres Wissens. Auch in dieser Hinsicht leben wir in exponentiellen Zeiten, sagt man. Heute schätzt man beispielsweise, dass die angesehene „New York Times“ in nur einer Woche mehr Informationen liefert, als ein Mensch im 18. Jahrhundert in seinem ganzen Leben hätte erfahren können. Das bedeutet, so heißt es, dass heute in jedem Jahr so viele Informationen neu hergestellt werden, wie vorher in einem Zeitraum von 5.000 Jahren.
Es wird geschätzt, dass in wenigen Jahren ein Supercomputer existiert, der die Kapazität des menschlichen Gehirns übersteigt. Und glaubt man den Vorhersagen, wird im Jahr 2049 ein Computer im Wert von 1.000 Dollar die Leistung der gesamten menschlichen Spezies überschreiten.
Doch was ist mit der Computerleistung eigentlich erreicht? Und wie misst man unser Wissen?
Ich vermute, dass Großteile dessen, was man uns heute als Wissensexplosion verkauft, Wissen über Promis ist. Was die Damen am Abend getragen haben und wer dann mit wem abgezogen ist. Das ist die wirkliche Explosion unseres Wissens. Dafür brauchen wir vierundzwanzig Fernsehkanäle und Festplatten so dick wie Unterarme.
Natürlich hat es enorme Fortschritte gegeben, gerade in der Medizin und der Technik. Doch ist es dabei legitim, das Gesamtwissen der Welt zu zählen? Müsste man es nicht eher auf ein Individuum beziehen? Und wenn man das tut, was kommt dann heraus?
Nehmen wir einen Mediziner aus dem 18. Jahrhundert und einen von heute. Natürlich kann der von heute wesentlich mehr. Doch hat er nicht seine Menschlichkeit verloren, den Menschen als Menschen zu nehmen und nicht nur als Behandlungsobjekt zu betrachten? Hat er damit nicht enorm Wissen eingebüßt? Sicherlich wird er dem Mediziner aus dem 18. Jahrhundert weit überlegen sein. Doch Exponentielles ist hier weit und breit nichts zu erkennen.
Und was ist mit den ganzen sonstigen Problemen? Die wirklich wichtigen Fragen? Ist der Mensch von der Umwelt oder seinen Erbanlagen geprägt? Heute haben wir unsere Erbanlagen entschlüsselt. Das ergibt sicherlich mehr Informationen alleine in diesem Spezialbereich als im 18. Jahrhundert überhaupt weltweit vorhanden waren. Doch was nützen diese Information? Haben sie uns Wissen gebracht oder sind wir nicht eher sogar dümmer geworden?
Schauen wir uns doch nur den Zustand unseres Planeten an, wie er heute aussieht und wie er vor 200 Jahren aussah. Wenn es seitdem eine Wissensexplosion gegeben hat, ist das aber ein merkwürdiges Wissen.
Der Fehler liegt sicherlich darin, Information und Wissen gleichzusetzen. Man betrachte nur die Börse: Wer hier alles wüsste, würde alle positiven und negativen Bewertungen aller Käufer und Verkäufer kennen, was sich im Endeffekt zwangsläufig gegeneinander aufhebt. Wer hier also alles weiß, hört nur noch weißes Rauschen. Wer alle Informationen kennt, weiß gar nichts mehr.
André Kostolany hat das sehr viel kürzer und prägnanter ausgedrückt: „Information=Ruination“. Ich denke, wir sollten das von der Börse auf die ganze Welt ausdehnen.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
… AUCH IM HERBST IMMER NOCH AKTUELL: DIE FINANZKRISE!
Bernd Niquet, "Wie ich die Finanzkrise erfolgreich verdrängte", Leipzig 2010, 465 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86901-830-0.
Einige prominente Stimmen zum Buch:
„Es hat mir die Augen geöffnet.“ Bernard L. Madoff
„Ich schreibe seitdem ein eigenes Buch.“ Jérôme Kerviel
„Wir sind noch gar nicht tot.“ Richard Fuld
„Ich auch nicht.“ Bernard Cornfeld
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