Von Bernd Niquet
Diese Kolumne schließt sich direkt an diejenige des vorangegangenen Wochenendes an, in der ich aus unserem menschenleeren reichen Abendland berichtet habe. Heute nun geht es zusätzlich um das Morgenland. Ich kann mir diese Kolumne leider nicht verkneifen, auch wenn ich es vielleicht am besten täte.
Aus der Leere unseres weiten Landes komme ich also wieder zurück nach Berlin und treffe plötzlich auf eine große Fülle. Angesagt ist ein Konzert des größten Popstars aus Syrien, der zum ersten Mal in Europa auftritt, aber bereits mehr als 500 verschiedene Musikveröffentlichungen nachweisen kann. Ich besitze durchaus eine Schwäche für arabische Musik mit westlichen Elementen und bin gespannt, was sich hier ereignen wird.
Anwesend sind auffällig viele Frauen, sehr viele Kulturdamen mit grauen Haaren und kurzgeschorenen Meckiköpfen. Auf der Bühne zwei Musiker, die das Intro spielen. Und dann kommt er, der Star, eingehüllt in einen schneeweißen Kaftan, trägt er dazu Kopftuch und Sonnenbrille. Unwirklich sieht er aus. Ich habe einen ersten Verdacht, doch die Musik übertönt ihn erst einmal. Der Rhythmus ist flott, westlich, fast Techno, dazu die traditionellen Instrumente. Und dann der Gesang.
Die Frauen schütteln sich in Ekstase, doch beim Sänger ist nichts zu merken. Wie ein Automat läuft er die Bühne ab, von rechts nach links und von links nach rechts. Immer wieder, ohne jegliche Regung im Gesicht. Die einzige Regung, die man nicht einmal als Regung bezeichnen kann, ist, dass er immer wieder jovial den rechten Arm hebt, die Hand ausstreckt und anschließend die Finger zurück klappt. Das soll wohl bedeuten: Nun bitte, meine Herrschaften, noch etwas mehr Ekstase.
Es fließt jedoch kein Wort über seine Lippen, was sicherlich an Sprachproblemen liegt, denke ich. Denn Deutsch kann er nicht und die Sprache des Erzfeindes wird er wohl bewusst meiden. Ich schaue auf seinen gestärkten Kaftan, die auch im Dunkeln aufbehaltene Sonnenbrille, das Tuch, das ihn größer macht als er eigentlich ist, die völlige Mimiklosigkeit seines Gesichtes und fange an, mich wie in einem Monty Python Sketch zu fühlen.
Jetzt merke ich, darauf zu warten, wie er endlich das Nachthemd auszieht, die Gardine vom Kopf zieht, sich den angeklebten Schnurrbart abreißt, die Maske vom Gesicht nimmt – und hinter der Verkleidung einer der Monty Python Jungs mit einem schelmischen Grinsen hervor tritt, auf den in Sichtweite liegenden Reichstag zeigt und sagt: „There is your parliament! And you want to be democrats?“
Aber nein, das ist alles unrealistisch, wir sind ja nicht in England, die Monty Pythons existieren schon lange nicht mehr und bei uns gibt es zwar eine Versteckte Kamera, doch so etwas würde sich niemand trauen im ganzen Land. Niemand und nirgendwo.
Ich weiß jetzt nicht mehr, ob ich lachen oder weinen soll, jedenfalls ist es mit der Ernsthaftigkeit bei mir vorbei. Ich schaue mich um und registriere, dass die anderen Zuschauer die Vorstellung sehr ernst nehmen. Wer kann sich da noch wünschen, dass die Deutschen einmal aussterben?, denke ich, als ich nach einer halben Stunde den Weg nach draußen nehme. Oder zumindest so weit schrumpfen, dass ihre Bedeutung in dieser Welt immer geringer wird.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
… UND ALS STRANDLEKTÜRE FÜR DEN URLAUB:
Bernd Niquet, "Wie ich die Finanzkrise erfolgreich verdrängte", Leipzig 2010, 465 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86901-830-0.
Einige prominente Stimmen zum Buch:
„Es hat mir die Augen geöffnet.“ Bernard L. Madoff
„Ich schreibe seitdem ein eigenes Buch.“ Jérôme Kerviel
„Wir sind noch gar nicht tot.“ Richard Fuld
„Ich auch nicht.“ Bernard Cornfeld
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