Von Bernd Niquet
Liebe Leser, ich mache derzeit Urlaub, wie Sie vielleicht auch. Was liegt da näher, als einmal in alten Sommerkolumnen zu kramen und zu schauen, was sich inzwischen so alles verändert hat, bei mir, bei Ihnen, bei uns allen. Dazu hier meine Sommer-Urlaubs-Kolumne aus dem Jahr 2004:
„Der Hochsommer hat unser Land fest im Griff. Trotzdem scheuen die Menschen keine Strapazen, um in andere, in weite Länder zu entkommen. Ich habe mich einmal umgehört in den vergangenen Tagen bei den Leuten, mit denen ich gesprochen habe. Derjenige, der am wenigsten weit gefahren ist, hatte ein Ferienhaus bei Perugia gemietet. Alle anderen hat es noch weiter getragen. Ich habe fast den Eindruck, als ob Geld in Hinsicht auf den Urlaub zum freien Gut mutiert. Alle reden darüber, dass wir im Alter nichts mehr haben werden. Doch aktuell wählen sie lieber All-inclusive.
Warum machen wir das alles? Um Abenteuer in fremden Ländern suchen? Aber das Leben ist doch hierzulande schon abenteuerlich genug! Oder um zu sehen, wie beschränkt die Menschen in anderen Ländern sind? Aber, bitte liebe Leute, du meine Güte: Das sind wir doch nun wirklich auch! Ich muss dabei immer an den Schriftsteller Walter Kempowski denken, der es nie bis nach Italien gebracht hat, der das aber auch nicht bedauert, weil sein Weg ihn stets nach innen geführt habe.
Doch das ist es natürlich, was der reisende Deutsche mit Sicherheit nicht will. Vielleicht reist er ja deswegen so gerne und so oft. Weil innen nicht so viel los ist – und man schließlich viel lieber in Gesellschaft von anderen ist.
Kehren wir daher zum Ökonomischen zurück: Erstens: Wir verpulvern massenweise unsere Alterssicherung im Ausland. Zweitens: Wir quellen alle über von Wohlstand und werden fett. Der Wohlstand quillt aus unserem fetten Land heraus. Die anderen können das gut brauchen, weswegen es gegen diese Tendenz auch nichts einzuwenden gibt.
Erstaunlich finde ich nur stets, mit welcher Selbstverständlichkeit das alles geschieht. Es ist ein bisschen so wie an der Börse in den Jahren 1998 bis 2000. Da hat sich auch jeder für genial gehalten, hat gedacht, dass ihm diese Gewinne ganz einfach zustehen. Und kaum jemand hat gemerkt, dass er einfach mit Riesenglück an einer historisch nahezu einmaligen Situation partizipiert hat. Genau wie wir Deutschen in den vergangenen gut vierzig Jahren.
Und genau wie am Aktienmarkt, so ist es auch in Bezug auf das gesamte Leben mehr als fahrlässig, sich in alternden Haussen genauso zu verhalten wie in jungen Haussen. Denn Haussen dauern niemals ewig. Es wird uns daher nicht viel nützen, unseren Körpern weiterhin Speck anzufressen, den restlichen Reichtum jedoch immer wieder davonquellen zu lassen. Besser wären wir beraten, es genau umgekehrt zu machen. Unsere Fettpolster unter der Haut abfließen zu lassen und dafür in unserem Geldbeutel Speck anzusammeln.“
Objektiv hat sich seit damals nicht viel geändert, denke ich. Subjektiv muss ich allerdings sagen, ich mag mich heute lieber als damals. Ich hoffe, das können Sie von sich ebenfalls sagen. Denn das ist doch schon etwas. Viel mehr kann man in seinem Leben nicht erreichen, das ist meine feste Überzeugung.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
… UND ALS STRANDLEKTÜRE FÜR DEN URLAUB:
Bernd Niquet, "Wie ich die Finanzkrise erfolgreich verdrängte", Leipzig 2010, 465 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86901-830-0.
Einige prominente Stimmen zum Buch:
„Es hat mir die Augen geöffnet.“ Bernard L. Madoff
„Ich schreibe seitdem ein eigenes Buch.“ Jérôme Kerviel
„Wir sind noch gar nicht tot.“ Richard Fuld
„Ich auch nicht.“ Bernard Cornfeld
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