Von Jochen Steffens
Einer der zuverlässigsten Trades der Jahre 1993-2007 war der „1. Oktober-Trade“. Die Regel lautete: „Kaufe am 1. Oktober und halte bis Weihnachten!“ 14 Jahre lang funktionierte das ausgezeichnet. Die hohe Trefferquote dieser Regel hat einen einfachen fundamentalen Hintergrund. Die Wirtschaft in den USA ist extrem vom Konsum abhängig. Daher spielt das Weihnachtsgeschäft eine große Rolle. Viele Einzelhändler schaffen es erst im vierten Quartal, aus dem Minus zu kommen. Aber auch die Zulieferer und viele andere Wirtschaftszweige profitieren vom Weihnachtsgeschäft in den USA.
Spekulanten setzen nun darauf, dass das vierte Quartal gut ausfällt und steigen nach den meist langweiligen Sommermonaten beherzt ein. Die Zahlen zum vierten Quartal werden erst im neuen Jahr veröffentlicht, bis dahin bleibt viel Spielraum für Kurs-Phantasie. So entstehen Jahresendrallyes.
Ohne Risiko keine Performance
Aber: Nichts an den Börsen ist geschenkt. Es existiert ein in letzter Konsequenz sehr linearer Zusammenhang zwischen Chancen und Risiken. Auf diese Regel übertragen könnte man sagen: Je höher die Gewinnwahrscheinlichkeit eines Trades ist, desto größer ist auch das Verlustrisiko in dem Fall, wenn die Regel nicht eintritt. Und auch hierzu gibt es einen fundamentalen Hintergrund: Viele institutionelle Anleger kennen diese Regel und nutzen diese, um zum Jahresende hin ihre Performance zu verbessern. Sie steigen frühzeitig nach und nach, zum Teil auch schon in den Sommermonaten ein, um sich entsprechend zu positionieren. Sollte nun, wie in den Jahren 2007 und 2008 etwas dazwischen kommen, entsteht zusätzlicher Verkaufsdruck. Kurz: Kommt es nicht zu dieser Jahresendrallye, steigt die Gefahr dynamischer Kursverluste. Das ist auch ein Grund, warum der Oktober grundsätzlich crashgefährdet ist.
Blick über den Tellerrand
Wie bei jeder Regel sollten Sie dieser als Anleger natürlich nicht blind folgen. Auch hier hilft ein Blick auf das fundamentale Umfeld. Sehr interessant ist in diesem Jahr, wie der 1. Oktober-Trade zum Präsidentschaftszyklus passt. Der US-Präsidentschaftszyklus berechnet die durchschnittliche Entwicklung der Börsen in den vier verschiedenen Amtsjahren eines Präsidenten. Es wird unterschieden zwischen: Wahljahren, Nachwahljahren, Zwischenwahljahren und Vorwahljahren.
Wir befinden uns zur Zeit im Zwischenwahljahr. Zwischenwahljahre sind in der ersten Hälfte des Jahres von einer Seitwärtsbewegung geprägt. Diese haben wir in diesem Jahr auch erlebt. Gegen September kann es durchaus zu einem schärferen Einbruch kommen. Für den Oktober-Trade ist interessant, dass in Zwischenwahljahren eine Jahresendrallye typisch ist, die genau Anfang Oktober startet.
Fazit: Der Oktober-Trade gehört zu den bekannten Trades, welche die größte Eintrittswahrscheinlichkeit haben. Durch die Crash-Jahre haben wir nun zwei Jahre hintereinander einen schwachen Jahresausklang gesehen. Dadurch ist diese Regel aus dem Fokus der Anleger geraten. Das wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie wieder funktioniert. Hinzu kommt, dass wir auch im Zusammenhang mit dem US-Präsidentschaftszyklus mit einem stärkeren Jahresausklang rechnen können. Ein letzter Punkt ist, dass die Stimmung der Anleger alles andere als rosig ist. Da die Masse gemeinhin zyklisch, also falsch handelt, ist auch das ein Hinweis darauf, dass wir in diesem Jahr eine Jahresendrallye sehen werden. Es kann sich demnach in diesem Jahr lohnen, frühzeitig damit zu beginnen, erste kleinere Positionen auf eine solche Jahresendrally einzugehen. Sollte es zu der Schwäche im September kommen, kann man diese günstig weiter aufstocken.
Jochen Steffens ist Chefredakteur des kostenlosen Newsletters "Steffens Daily". Weitere Informationen finden sie hier.









