Von Bernd Niquet
Überall soll derzeit gespart werden. Und überall steht das Paradigma des Neo-Liberalismus am Pranger. Doch warum immer nur auf die Großfinanz und die hohe Politik schauen, warum sich ausschließlich mit den Über-Theorien beschäftigen? Warum nicht einfach einmal auf die Straße schauen?!
Dort, wo ich entlang gehe, stand einmal die Mauer. Heute befindet sich hier ein Park, doch es sieht aus wie auf einer wilden Mülldeponie hinter der spanischen Küste. Rauschgifthändler gehen unbehelligt ihrem Gewerbe nach, Kampfhunde laufen herum und auf den Bänken sitzen Obdachlose mit Sack und Pack beim Bier. So etwas gab es zu Mauerzeiten nicht, weder diesseits noch jenseits der Mauer.
Der Supermarkt um die Ecke kündigt an, zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 sechs Flaschen Bier und sechs Würstchen im WM-Pack für 1 Euro zur Verfügung zu stellen, vorausgesetzt man bringt den entsprechenden Coupon der Bildzeitung mit.
Um die Ecke benötigt der Geländewagen zwei Parkplätze, so dass der türkische Vater, der seine Tochter zum Schwimmunterricht bringen will, weiter um den Block fahren muss.
Ich setze mich draußen in ein Restaurant. Am Tisch vor mir sitzen drei türkische Frauen so um die 40. Eine von ihnen raucht, der Rauch weht mir ins Gesicht und stört mich sehr, doch was soll es, draußen ist das Rauchen erlaubt. Als sie fertig ist, drückt sie die Zigarette im Aschenbecher aus, was nicht ganz gelingt. Nun stört sie der Aschenbecher. Sie dreht sich um, nimmt den noch dampfenden Aschenbecher – und stellt ihn mir mitten auf den Tisch.
Ich will gerade etwas sagen, da hat sie sich schon wieder abgewandt. Was soll ich jetzt auch noch sagen? Hier ist eigentlich nichts mehr zu sagen. Ich bin wie vor den Kopf geschlagen. So etwas habe ich noch nicht erlebt.
Zwei hübsche junge Frauen kommen die Straße entlang. Ziemlich genau auf Höhe meines Tisches kommt ihnen ein etwas verdreckter Mann in kurzen Hosen entgegen und macht kurz „huh“. Ich zucke zusammen, doch die beiden Grazien gehen weiter als sei das das Normalste auf der Welt.
Es ist ein Tag mitten in der Woche, also kein Wochenende, doch es ist beinahe kein männlicher Jugendlicher unter 30 Jahren zu sehen, der keine Bierflasche in der Hand hält. Und ich überlege, ob das der Neue Liberalismus ist, von dem alle Welt andauernd redet. Doch was soll es – bald sind sowieso Sommerferien. Da weichen alle Probleme von uns, und es ist nur als dumm zu bezeichnen, wer dann zu Hause bleibt.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
************ AKTUELLE NEUERSCHEINUNG 2010 *************
BESTIMMT EINES DER INTERESSANTESTEN BÜCHER ZUM THEMA:
Bernd Niquet, "Wie ich die Finanzkrise erfolgreich verdrängte", Leipzig 2010, 465 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86901-830-0.
Einige prominente Stimmen zum Buch:
„Es hat mir die Augen geöffnet.“ Bernard L. Madoff
„Ich schreibe seitdem ein eigenes Buch.“ Jérôme Kerviel
„Wir sind noch gar nicht tot.“ Richard Fuld
„Ich auch nicht.“ Bernard Cornfeld
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