Von Bernd Niquet
Sich in einer unvernünftigen Welt vernünftig zu verhalten, kann ebenso tödlich sein, wie in einer vernünftigen Welt unvernünftig zu agieren. Eben war der US-Finanzminister Timothy Geithner in Berlin und hat sich deutlich gegen die europäischen Sparpläne gewandt. Denn das Sparen wird das Wachstum bremsen, was somit auch den USA schadet.
Nun ist Geithner ja durchaus ein Mann der Märkte, womit die Paradoxie nicht größer sein könnte: Einerseits müssen die Europäer sparen, um nicht abgestraft zu werden, andererseits dürfen sie aber nicht sparen, um nicht abgestraft zu werden.
In der Psychologie nennt man das „Doppelbindung“. Und es gibt dazu sicherlich kein schöneres Beispiel als das von Paul Watzlawick, in dem der Sohn an Heiligabend von seiner Mutter zwei Krawatten geschenkt bekommt – und, um ihr einen Gefallen zu tun, gleich am ersten Feiertag eine von beiden umbindet. Daraufhin sieht sie ihn jedoch nur traurig an und sagt: „Und die andere gefällt dir gar nicht?“
Einerseits wird unser Wirtschafts- und Finanzsystem also nur dann auf Dauer Bestand haben, wenn wir die Ausgaben wirksam eindämmen. Andererseits kann es jedoch nur dann auf Dauer Bestand haben, wenn wir genau das nicht tun.
Was sollen wir also tun? Genau, wir müssen sparen – und trotzdem die Ausgaben nicht senken. Wir sind jetzt wie ein Trinker, Raucher oder anderweitig Süchtiger, der es sich nicht mehr erlauben kann, den Pegel auch nur kurzfristig noch einmal zu senken. Und notfalls dazu eben die Wirklichkeit verklärt. Doch viele solcher Menschen sind steinalt geworden, weit älter als ihre Spiegelbilder, die immer nur gesund gelebt haben. Und haben überdies ein wunderbares und genussreiches Leben geführt. Das darf man auch nie vergessen.
Seit Jahrzehnten schon leben wir von fast nichts anderem mehr als von der Zunahme der Staatsverschuldung. Seit 1980 hat sich unser Einkommen verdreifacht und inflationsbereinigt immerhin noch verdoppelt. Und man denke nur daran, dass wir 1980 schon steinreich waren! Die Staatsschulden haben sich im gleichen Zeitraum jedoch mehr als versechsfacht. Und auch sie waren ja 1980 schon bedenklich hoch.
Dieser Zusammenhang ist allerdings bisher weitgehend unverstanden geblieben. Die Staatsverschuldung ist nämlich der größte Reichmacher und Geldvermehrer aller Zeiten. Nehmen wir an, der Staat plant neue Ausgaben und gibt dafür eine Anleihe in Höhe von 1.000.000 Euro, also 1 Million Euro heraus. Dann haben jetzt die Anleger die Anleihe von 1 Million und das Geld ist vorübergehend beim Staat. Durch die Staatsausgaben fließt es jedoch binnen kurzer Zeit zu 100 Prozent wieder an die Bürgern zurück, die jetzt nicht nur die 1 Million Staatsanleihe, sondern auch ihre alte 1 Million Geld wieder haben.
Die Bürger sind damit um 1 Million Euro reicher geworden. Ist das alleine schon erstaunlich, so erstaunt die Schnelligkeit dieses Prozesses noch viel mehr. Denn er läuft alle 4 Minuten ab! Unser Staat macht derzeit in jeder Sekunde 4.481 Euro Schulden, das sind pro Minute 268.860 Euro und in der Stunde 16.131.600. Jeden Tag werden wir alle also alleine durch die Staatsverschuldung um 387 Millionen Euro reicher.
Und da kann man nur sagen: Na, dann prost!
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
************ AKTUELLE NEUERSCHEINUNG 2010 *************
BESTIMMT EINES DER INTERESSANTESTEN BÜCHER ZUM THEMA:
Bernd Niquet, "Wie ich die Finanzkrise erfolgreich verdrängte", Leipzig 2010, 465 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86901-830-0.
Einige prominente Stimmen zum Buch:
„Es hat mir die Augen geöffnet.“ Bernard L. Madoff
„Ich schreibe seitdem ein eigenes Buch.“ Jérôme Kerviel
„Wir sind noch gar nicht tot.“ Richard Fuld
„Ich auch nicht.“ Bernard Cornfeld
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