Von Jochen Steffens
Der Präsident der Federal Reserve Bank of Boston, Eric Rosengreen, erwartet, wie schon einige andere vor ihm, dass das von der amerikanischen Notenbank angestrebte Ziel der Vollbeschäftigung selbst bei anhaltendem Wachstum noch Jahre dauern kann. Auch die Erreichung der von der US-Notenbank angestrebten Wachstums- und Inflationsraten werde noch Jahre dauern. Doch eine andere Aussage dürfte viele Anleger verwundern: Inflation wird in der nächsten Zeit keine Gefahr für die USA darstellen, sagt Rosengreen.
Wie soll auch ohne ein starkes Anziehen des Arbeitsmarktes bei einer von der Binnenwirtschaft abhängigen Volkswirtschaft Inflation entstehen? Zumindest eine Lohn/Preis-Spirale ist kaum anzunehmen. Nein, die USA haben es mit Deflationsgefahren zu tun. Auf der einen Seite wird die notwendige Rückführung der hohen Staatsverschuldung sich belastend auf das Wirtschaftswachstum auswirken. Ein niedriges Wachstum wird es schwer machen, die hohe Arbeitslosigkeit abzubauen. Und eine hohe Arbeitslosigkeit wird dazu führen, dass der Konsum niedrig bleibt und somit die Preise nicht steigen können. Auf der anderen Seite werden sich die Folgen der Finanzmarktkrise noch einige Zeit „deflationär“ auswirken, da es noch dauern wird, bis die Kreditvergabe in den USA wieder ein normales Niveau erreicht.
Sinkende Rohstoffpreise voraus?
Ungemach droht damit allein von der Rohstoffseite. Es besteht die Gefahr, dass die Rohstoffpreise noch mehr steigen, wenn der Dollar weiter (zu den Rohstoffwährungen) abwertet. Allerdings könnte sich diese Gefahr schnell als weniger relevant herausstellen. Immer mehr Analysten weisen darauf hin, dass sich das kräftige Wachstum in China verlangsamen könnte. Gehen wir einmal, ohne diese Annahmen nun genauer zu überprüfen, davon aus, dass dem so sein wird. Wenn sowohl die USA mit einem schleppenden Wachstum zu kämpfen haben, die EU mit dem Schuldenabbau beschäftigt – ebenfalls kein starkes Wirtschaftswachstum erzeugen kann und dann auch noch der asiatische Raum wirtschaftlich zu schwächeln anfängt, werden natürlich auch die Rohstoffpreise wenig Aufwärtspotential haben. Wenn die Nachfrage sinkt, fallen auch die Preise.
Haben die Rohstoffpreise also ihren Zenit erreicht? Zu dieser These passt die Meldung, dass die australische Regierung die Gewinne der Minenkonzerne ab dem Jahr 2012 mit 40 Prozent besteuern will. Damit wäre Australien das Land mit der höchsten Minensteuer weltweit. Die Regierung begründet den Schritt damit, dass ein Hauptteil der Aktionäre der Minen (hier geht es wohl hauptsächlich um Rio Tinto und BHP Billiton) aus dem Ausland kommt. Ein großer Anteil der Gewinne aus australischen Bodenschätzen fließe somit ins Ausland ab. Und eben das will die Regierung verhindern.
Interessanterweise fallen solche brachialen Beschlüsse von Regierungen gerne mit dem Zenit der Entwicklung zusammen. Wir haben in den vergangenen zehn Jahren einen großen Boom bei den Rohstoffen und insbesondere bei der Nachfrage nach Rohstoffen gesehen. Auslöser war hier natürlich unter anderem China. Durch diese steuerliche Maßnahme wird die Wettbewerbsfähigkeit der australischen Minen erheblich beeinträchtig. Wenn nun tatsächlich Chinas Wachstum gefährdet ist und die Nachfrage sinkt (oder nicht mehr so schnell steigt), könnte es tatsächlich sein, dass australische Minen bald zu den Verlierern im weltweiten Wettbewerb gehören. Die Folgen für die australische Wirtschaft wären fatal und die Regierung eines Landes hätte mal wieder, wie so oft, sehr zyklisch und damit falsch reagiert. Es wird allerdings auch darauf ankommen, was die australische Regierung mit den zusätzlichen Steuereinnahmen macht. Wenn sie diese in den Geldkreislauf fließen lässt, wird zum Beispiel die Inflationsgefahr dramatisch zunehmen. In einem Land, in dem sowieso schon die „Holländische Krankheit“ droht, müsste dieses Geld in einen Staatsfonds angelegt werden. Oft sind solche brachialen Gesetze der entscheidende Hinweis darauf, dass eine Entwicklung den Zenit erreicht hat.
Deflation bleibt Thema
Wenn die Rohstoffpreise demnach tatsächlich in der nächsten Zeit ihren Zenit erreichen (das kann auch noch ein bis zwei Jahre dauern), wird die Wahrscheinlichkeit für eine Deflation in den USA deutlich höher sein. Dazu passt auch das, was die EZB am Donnerstag nach der Zinssitzung mitgeteilt hat. Die Märkte sollen sich auf „anhaltend niedrige“ Zinsen einstellen. Das Zinsniveau im Euroraum sei angemessen und die Risiken für die Preisentwicklung ausgeglichen. Solche Aussagen sind nur in einem deflationären Umfeld sinnvoll. Hier wirkt sich die Schuldenproblematik aus. Länder, die hochverschuldet sind, können nicht wirtschaftlich stimulierend eingreifen. Das Rückfahren von Schulden wirkt sich tendenziell immer schwächend auf die Wirtschaft aus, so dass auch hier die deflationären Tendenzen deutlich höher sind.
Diese Mischung könnte allerdings für Deutschland in den nächsten Jahren explosiv werden, zumindest wenn die aktuellen Probleme nicht eskalieren und zu einem Zusammenbruch der EU führen. Niedrige Zinsen bei einer sinkenden Währung müssten eigentlich in diesem exportabhängigen Land zu einem heftigen Boom führen (auch wenn nur 40 Prozent der Exporte Deutschlands in Länder außerhalb der EU gehen). Normalerweise würde ein solcher Boom über den Außenhandelsüberschuss zu einer stärkeren Währung führen, die sich regulierend (dämpfend) auswirkt. Wenn der Euro in dieser Situation jedoch „künstlich“ niedrig bleibt (bedingt durch die übrigen Länder in der EU) könnten wir in Deutschland schnell zu einem hohen wirtschaftlichen Wachstum zurückfinden – das jedoch mit Blick auf die Inflation auch schnell gefährlich werden könnte.
Jochen Steffens ist Chefredakteur des kostenlosen Newsletters "Steffens Daily". Weitere Informationen finden sie hier.









