Von Bernd Niquet
Manchmal ist diese Welt wirklich nur schwer zu verstehen. Da spuckt ein Vulkan Asche aus und in ganz Europa herrscht plötzlich Flugverbot. Es könne sich nur um eine kurze Zeit handeln oder aber auch Jahre dauern, heißt es. Doch wenige Tage später sehen die Wetterkarten nicht anders aus als vorher, doch es gibt jetzt kein Flugverbot mehr. Den Vulkan scheint es ebenso nicht mehr zu geben, jedenfalls nicht mehr in den Medien.
Lange Zeit hat man über eine Pleite Griechenlands diskutiert, doch dann kam das Hilfspaket und der Fall schien gelöst. Doch seitdem klar ist, dass Griechenland demnächst nicht Pleite gehen kann, wird das Pleite-Szenario Griechenlands erst recht an den Märkten gespielt und zur realistischen Möglichkeit.
Im ersten Fall gibt es also eine Lösung ohne Lösung und im zweiten Fall wird die Lösung von sich selbst umgeworfen, so dass der Fall auf einmal wieder offen ist. Es gibt aber auch noch eine dritte Möglichkeit, das ist die Möglichkeit einer Nicht-Lösung durch Lösung, und die sieht so aus:
Die Missbrauchs-Geschichten der katholischen Kirche sind jetzt dadurch weitgehend erledigt, weil ein Bischoff sein Amt zur Verfügung gestellt hat wegen ein paar Backpfeifen vor 50 Jahren, und auch nicht aus Schuldeingeständnis, sondern um Schaden von der Kirche abzuwenden.
Es gibt also viele verschiedene Wege, wichtige Dinge zu erledigen. Doch stets klaffen zwischen den Wahrnehmungen und den objektiven Fakten irgendwie riesige Löcher. Schwarze Löcher können wir ja heute bereits physikalisch erklären, obwohl wir noch niemals welche gesehen haben und auch nicht sicher wissen, ob es überhaupt welche gibt. Denn wie kann man Löcher sehen, die alles in sich hineinsaugen, auch die Wahrnehmungen von sich selbst?
Bei den Löchern in unserer Wahrnehmung hingegen sind wir noch längst nicht so weit. Vielleicht sollte man daher auch hier einmal eine riesige Teilchenbeschleunigungs-Maschine in Genf bauen und anschließend winzige Teilchen in Lichtgeschwindigkeit aufeinander schießen, um so den Urknall unserer Wahrnehmung zu simulieren und daraus etwas zu lernen.
Möglicherweise ist die Sache aber auch sehr viel einfacher. Das Auge kann sich nämlich nicht selbst dabei beobachten, wie es sieht. Wir sehen also vielfach genau das, was wir sehen wollen, jeder für sich, aber in der Gesamtheit unserer Gesellschaft ganz besonders. Wenn über Flöhe gesprochen wird, dann juckt es, und bei Griechenland denkt man jetzt eben einfach an Pleite. Das sind Grundreflexe – und das wird zu Grundreflexen gemacht. Schließlich lässt sich damit ja wunderbar Geld verdienen. Und andere, Ungeliebte, vernichten.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ AUCH 2010 NOCH FRISCH +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
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