Von Bernd Niquet
Besitzt man erst einmal eine persönliche Beziehung zu manchen Dingen, dann nimmt man sie plötzlich auch ganz anders wahr. Vor ein paar Wochen hat mich eine ältere Dame in einem Restaurant angesprochen, ob ich nicht der Wettermann aus dem Fernsehen sei. Zum Glück bin ich das nicht, denn der sitzt heute im Gefängnis in Untersuchungshaft.
Hätte ich vorher diesen Fall sicherlich gar nicht registriert, so bin ich jetzt richtig begierig nach Nachrichten. Ich weiß natürlich, dass man hierzu heute noch nichts wissen kann, und dennoch stelle ich fest, dass die Presse anscheinend nicht dazu in der Lage ist, grundlegende Dinge zu erklären. Und das bezieht sich nicht nur auf diesen Fall, sondern auch auf viele weitere.
Ich lese jeden Tag zwei große überregionale Zeitungen und bin immer wieder erschrocken über diese Tatsache. Da sitzen sicherlich intelligente Leute, doch entweder fliegen sie so tief oder sie schweben so hoch, dass sie völlig außer Stande sind, ihren Leser Grundlegendes zu erklären.
Bleiben wir zunächst beim Wettermann. Alle Blätter berichten unisono, der Mann habe nun weiter in Untersuchungshaft zu bleiben, weil er seinen Haftprüfungsantrag selbst zurückgezogen habe. Vielleicht versteht ein Jurist, was das bedeutet. Ich verstehe es nicht. Warum tut das jemand? Aber niemand erklärt mir das. Anscheinend wissen es die meisten Journalisten selbst nicht, und denjenigen, die es wissen, scheint es zu trivial, es zu erklären.
Noch viel schlimmer ist die Situation bei der großen Gesundheitsreform in den USA, die Anfang dieser Woche verabschiedet worden ist. Hier gab es seitenlange Kommentare und Einschätzungen, was das für Obamas Regentschaft bedeutet, wer was dazu meinte, wie die Abgeordneten abgestimmt haben und was das Volk denkt. Doch niemand erklärt einmal, worum es dabei in Wirklichkeit geht. Natürlich schreibt man, worüber abgestimmt wird und dass jetzt jeder Amerikaner eine Krankenversicherung abschließen kann.
Doch was bedeutet das eigentlich? Müsste man das nicht einmal ausführlicher erklären? Wie kann es sein, dass im reichsten Land der Welt eine so starke Opposition dagegen besteht, dass die Menschen eine Krankenversicherung abschließen können? Ich weiß gar nicht, was für mich der größere Skandal ist, dass das in der Tat so zu sein scheint oder dass das in der Tagespresse niemand erklärt.
Hätte ich nicht zufällig vorher Michael Moores Film „Sicko“ gesehen, der mich zutiefst geschockt hat, hätte ich in der Tat überhaupt nichts verstanden. Doch so habe ich wenigstens ein Bild. Moores Herangehensweise liebe ich: Er weiß am Anfang selbst nichts und geht zu den Betroffenen wie den Machern hin und fragt sie aus. Und da habe ich gesehen, wie Menschen mit abgetrennten Gliedmaßen in den Krankenhäusern anhand der genannten Preise entscheiden mussten, welche sie sich wieder annähen lassen und welche hingeben auf den Müll wandern. Und ich habe gesehen, wie die Krankenversicherungen sich im Gewinnmaximieren suhlen.
Natürlich ist dieses Bild ein einseitiges Bild. Doch letztlich bleibt selbst Moore die entscheidende Antwort schuldig, warum in den USA die Opposition gegen die Gesundheitsreform so groß ist. Hat man den Amerikanern tatsächlich einreden können, jetzt begänne der Kommunismus? Und andererseits: Exorbitante Gewinne können die Unternehmen doch auch in anderen Bereichen machen, da muss man doch nicht die eigene Bevölkerung knechten.
Das alles bleibt mir weiterhin schleierhaft. Russland verstehe ich, die USA hingegen sind mir ein Rätsel. Und was mich daran am meisten stutzig macht, ist, dass nicht einmal amerikatreue Publikationen wie die „FAZ“ und „Die Welt“ hier etwas klarstellen können oder wollen.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
+++++++ AUCH 2010 NOCH FRISCH +++++++
Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
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