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Schwarzes Gold oder schwarze Pest?

Freitag, 22. August 2008 um 16:35

Von Jochen Steffens
Ich hatte in meinem Text zu Rußland (Zurück in den Kalten Krieg?) geschrieben: „Nur auf Öl kann man keine funktionierende Wirtschaft aufbauen.“ Dieser Satz bedarf natürlich einer Erläuterung – denn eigentlich müßte doch ein Land, das Milliarden Dollar durch Ölexporte verdient, ein reiches und glückliches Land sein. Ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Leider ist genau das Gegenteil der Fall.

Das schwarze Gold hat den meisten Staaten nur Unglück gebracht. Man nennt diesen Effekt die holländische Krankheit (Dutch disease) oder das holländische Syndrom, zum Teil auch einfach „Ressourcenfluch“. Entstanden ist der Begriff „holländische Krankheit“ in den 60ern, als vor der niederländischen Küste große Erdgasvorkommen gefunden wurden. Dieses „glückliche“ Ereignis stellte sich jedoch schnell als Belastung heraus.

Zunächst einmal führten die Mehreinnahmen aus dem Gasgeschäft tatsächlich dazu, daß die Löhne in den Niederlanden stiegen. Das heizte den Konsum an und der dortigen Binnenkonjunktur ging es zunächst sehr gut. Dann jedoch begann die eigentliche Krankheit, deren Entstehen sich wie folgt zusammenfassen lässt:

Aufwertung der Währung

Durch den Export kommt es zu starken Außenhandelsüberschüssen. Diese bringen in der Regel eine Aufwertung der Währung des Landes mit sich, da durch den stark ansteigenden Export Devisen ins Land kommen, deren Umtausch diese Aufwertung verursacht. Aber auch ausländische Investoren und andere Effekte verursachen einen Zustrom von Kapital, welcher die Währung stärkt. Daraufhin kommt es zu verschiedenen desaströsen Effekten (gelten für Gas wie für Öl):

Belastung der Exportwirtschaft

Durch die steigende Währung wird es für die ansässigen Industrien schwieriger, ihre Produkte auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Das kann dazu führen, dass diese exportorientierten Industrien zurückgedrängt werden oder ganz verschwinden.

Import belastetet Binnenwirtschaft

Es kommt zu einer Nachfragesteigerung im Inland, weil natürlich auch Importe billiger werden. Diese billigen Importe wiederum führen dazu, daß auch die nicht-exportierende Wirtschaft betroffen ist. Die inländische Produktion geht auch in diesem Sektor zurück.

Steigende Löhne als zusätzliche Belastung

Hinzu kommt, wie oben beschrieben, daß die Löhne steigen. Das liegt auch daran, daß die Öl-Rohstoffindustrie natürlich die besten Arbeitnehmer über höhere Löhne „abwirbt“. Auch das belastet die inländische Industrie, die ebenfalls höhere Löhne zahlen müßte, aber aus oben genannten Gründen sowieso schon belastet ist.

Wenig positive Effekte der Ölindustrie

Normalerweise würde ein starker Wirtschaftsektor auch andere Industrien (Zulieferindustrien etc.) antreiben. Das gilt besonders für Sektoren, die eine breite Verflechtung mit anderen Industrien gewährleisten. Gerade diese breite Verflechtung ist bei der Ölindustrie nicht gegeben, so daß andere Wirtschaftszweige nicht oder nur in geringem Maße von der Ölförderung profitieren können.

Wirtschaft des Landes kommt zum Erliegen

Im schlechtesten Fall führen diese Faktoren dazu, daß die gesamte Produktion des Landes erodiert. Insbesondere dann, wenn die Regierung sich zu sehr auf den Ausbau der Rohstoffindustrie konzentriert.

Destruktives Engagement von Interessengruppen

Ganz besonders schlimm ist es, wenn die Einnahmen der Ölproduktion nur in die Hände von Wenigen fallen. Das führt zu Korruption und, wie soll man es ausdrücken, „mafiösen“ Strukturen. Das ist besonders dann der Fall, wenn ein Land noch über keine gewachsenen und gesicherten, rechtsstaatlichen Strukturen verfügt und die Regierungsqualität und -kontrolle nicht gewährleistet ist.

Die Öleinnahmen wecken Begehrlichkeiten dieser verschiedenen Interessensgruppen und führen gemeinhin zu einer Bildung von stark vernetzten Strukturen, die das Geld sozusagen unter sich aufteilen. Diese Gruppen haben verständlicherweise dann auch nicht das geringste Interesse daran, ein funktionierendes Rechtsystem zu etablieren. Das führt in der letzten Konsequenz dazu, daß das Geld nicht mehr der Allgemeinheit zu Gute kommt. Also beschleunigt auch diese Entwicklung den Prozeß des wirtschaftlichen Untergangs eines Landes.

Ebenfalls erschwerend wirkt sich aus, wenn keine langsam gewachsenen marktwirtschaftlichen Strukturen vorhanden sind, welche diese Probleme ausgleichen könnten.

Sprich, Rußland ist ein ideales Land für die holländische Krankheit.

Weitergehende Gefahren

Die Gefahr dabei ist, daß der Staatsapparat zu stark wird. Wenn es dann nicht gelingen sollte, die holländische Krankheit zu besiegen, wird das Geld gerne dazu genutzt, das Militär und die Polizei aufzubauen, um letztendlich auch die eigene Bevölkerung zu kontrollieren. Schließlich sind die weitreichenden Folgen der holländischen Krankheit: Hohe Arbeitslosigkeit, Verarmung der Bevölkerung, eine extrem auseinanderklaffende Schere zwischen einer kleinen reichen Schicht und einer großen armen Bevölkerung, die zu sozialen Unruhen führen kann.

Wie kann man die holländische Krankheit bekämpfen?

Bestes Beispiel ist Norwegen. Allerdings muß man betonen, daß hier die rechtstaatlichen und marktwirtschaftlichen Strukturen bereits sehr stark waren, als Norwegen zum Ölexporteur wurde. Norwegen hatte, um der Krankheit zu entgehen, einen Erdölfonds eingerichtet. Dabei werden die Exporterlöse erst einmal angelegt und zwar in ausländischen Wertpapieren. Der Staat selbst darf aus dem Fond lediglich ein bestimmtes Maß der Rendite verwenden. Somit konnten die Einnahmen nicht die oben beschriebenen Entwicklungen verursachen. Dieser Fonds verhindert darüber hinaus, daß Interessensgruppen auf das Geld zugreifen können. Die holländische Krankheit schien besiegt.

Klopfen an der Hintertür

Aber mittlerweile fragt sich die norwegische Bevölkerung, warum es nicht mehr an diesem Reichtum, der da in diesem Fond schlummert, teilhaben kann. Die Begehrlichkeiten wachsen. Das führt dazu, daß das Thema mittlerweile zum Wahlkampfthema geworden ist: Das Geld solle der Bevölkerung in Form von sinkenden Steuern, besserer Ausbildung und besserer Krankheitsversorgung zur Verfügung gestellt werden. So sinnvoll diese Investitionen wären, wirtschaftlich könnten sie sich schnell verselbständigen. Und zwar dann, wenn solche Maßnahmen zu einem stärkeren Konsum, höheren Löhnen und einer Aufwertung der norwegischen Währung führen würden – die holländische Krankheit klopft an die Hintertür Norwegens...

Und so muss man sich fragen, ob die Krankheit nicht möglicherweise nur eingedämmt wurde und Norwegen doch noch heimsuchen wird, nur zeitversetzt. Wie macht man einer Bevölkerung klar, daß weniger oft mehr ist?

Jochen Steffens ist Chefredakteur des kostenlosen Newsletters "Steffens Daily". Weitere Informationen finden sie hier.

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