Von Bernd Niquet
In einer Kabarett-Sendung des Deutschen Fernsehens wurden die Wünsche und Erwartungshaltungen der Deutschen sehr treffend ironisiert. „Die meisten Deutschen wollten ja heutzutage nicht nur mehr Netto vom Brutto“, hieß es da, „sondern überhaupt mehr Netto als Brutto.“ Das ist natürlich ein wunderbarer Punkt. Genau wie der mit dem Bio-Wildlachs, der kurz danach angesprochen wird. Denn auch er stellt ja eine Unmöglichkeit dar, genau wie das Mehr-Netto-als-Brutto.
Doch stimmt das denn tatsächlich?
So lange der Staat Defizite macht, haben die Bürger in der Summe immer mehr Netto als Brutto. Sie beziehen mehr Einnahmen als sie Einkommen erwirtschaftet haben. Weil es beim Staat umgekehrt aussieht, weil der Staat mehr ausgibt als er einnimmt. Dass das nicht für jeden Bürger gilt, ist klar. Denn einige beziehen ein Einkommen, ohne etwas geleistet zu haben, die meisten jedoch leisten mehr als sie bekommen. Denken sie jedenfalls. Rechnet man ihnen jedoch die Leistungen der Versicherungen zu, für die sie bezahlen, sowie einen Wert für die innere Sicherheit und die Landesverteidigung, wird schnell klar, dass wir fast alle, bis auf wenige Ausnahmen, mehr beziehen als wir erwirtschaften, also mehr Netto als Brutto haben.
Musterbeispiel dieser Entwicklung ist Griechenland. Doch das soll ja jetzt alles ein Ende haben. Und so meldete selbst die seriöse bürgerliche Presse: „Griechenland legt Schock-Sparprogramm vor.“ Wer sich jedoch durchliest, worin dieses vermeintliche Schock-Programm besteht, muss unwillkürlich lachen. Denn es wird in Griechenland nicht mehr geben als eine Steuererhöhung auf Tabak und Alkohol, eine Mehrwertsteuererhöhung von 19 auf 21 Prozent sowie die Einführung einer Luxussteuer auf teure Importe. Und zusätzlich müssen die Staatsbediensteten auf 30 Prozent ihres 13. und 14. Jahresgehaltes verzichten.
Und das soll ein Schock-Sparprogramm sein? Das ist ja zum Lachen. So etwas zu schreiben, ist Amöben-Journalismus. Hier zeigt sich, dass weite Kreise überhaupt nicht begriffen haben, was da noch auf uns zukommt. Und dann auch noch diese dummen Umfragen: „Finden Sie es richtig, wenn die EU dem verschuldeten Griechenland aus der Patsche hilft?“ Auf dumme Fragen gibt es nur dumme Antworten. Hier lautet sie, dass 84 Prozent mit „nein“ antworten.
Ich selbst bin ja keinesfalls pessimistisch, ich denke, das wird schon mit Griechenland. Garantien der EU für Griechenland-Anleihen halte ich für richtig. Doch Transfers nicht. Wie hätte ich diese dumme Frage also beantworten sollen? Am besten gar nicht. Auch mit unseren Staatsschulden geht es. Damit können wir leben. Doch die Sparanstrengungen werden sicherlich schockierender werden als schockierend, wenn so etwas Lächerliches bereits als schockierend empfunden wird.
Bleibt der Bio-Wildlachs. Vielleicht verkörpert er am besten unsere augenblicklich Sehnsucht und vielleicht zeigt er auch am geeignetsten die Paradoxie der modernen Gegenwart: Wir wollen die unendliche Freiheit der Wildnis, gleichzeitig aber auch die Kontrolle und Überwachung von Bio-Produkten. Und das geht beides zusammen nicht.
Es ginge nur, wenn wir „bio“ tatsächlich als „bio“ verstehen würden, also als natürliche biologische Entwicklung. Doch das tun wir nicht und das geht nicht. Denn heutzutage steht das „Bio“ für einen künstlichen Status, nicht für die Natur. Die Natur ist also nicht mehr „bio“, und zwar genau deshalb, weil sie gar nicht „bio“ sein kann. Das muss man erst einmal verstehen, dann wird man vielleicht auch mit den Staatsschulden weiter kommen.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
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Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
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