Von Bernd Niquet
Je länger ich mich mit dem Thema Bildung befasse, umso mehr komme ich zu dem Punkt, dass wir davon vielleicht eine völlig falsche Auffassung besitzen. Bildung ist für uns etwas, was wir anderen (oder uns selbst) zukommen lassen wollen; es handelt sich um ein Gut, das konsumiert oder investiert wird, auf jeden Fall um ein Objekt, eine allgemeingültige Sache, die man besitzen kann oder auch nicht.
Doch ist das nicht eine völlig antiquierte Vorstellung von Bildung, die heute allenfalls noch in Quizsendungen im Fernsehen Bestand hat? Ich denke zurück an meine eigene Schulzeit, da mussten wir die Jahreszahlen von Geschichtsereignissen auswendig lernen. 333 bei Issos Keilerei, das weiß ich bis heute. Doch worum es dabei wirklich ging, davon habe ich keinen Schimmer mehr. Und ich würde schwören, ihn auch nie besessen zu haben.
Eine Eins hat mir einmal das Wissen des Datums des Ganges nach Canossa eingebracht: 1077. Auch das vergesse ich mein Leben lang nicht mehr. Da weiß ich sogar heute noch die ungefähren Umstände. Doch sonst? Machen wir die Dinge da nicht generell am falschen Anker fest?
Ich habe kein Patentrezept. Doch wenn ich mich erneut in die vierte Klasse bewegen darf und sehe, dass hier eine Eins bekommt, wer acht Teile der Ritterrüstung fehlerfrei aufzählen kann, weiß ich, dass hier bereits die Grundlagen falsch gesetzt werden. Was hilft es denn im Leben, die Teile einer Ritterrüstung zu kennen? Ich würde mit den Kindern anstelle dessen lieber einen zugefrorenen See aufsägen gehen.
Aber so etwas ist natürlich nicht machbar, weil es nicht objektivierbar ist. Erstens steht der Winter nicht im Lehrplan, zweitens kann es beim Sägen Verletzungen geben und drittens könnte da ja jeder kommen und behaupten, herumzuspielen träge etwas zur Bildung bei.
Mit objektivierbaren Lehrplänen, mit Planstellen und Lehrmittelbudgets, mit festgeschriebenen Lehrstoffen wie in Geschäftsplänen kann man vielleicht ein Unternehmen führen, aber keine Bildung vermitteln – schon gar nicht im Internetzeitalter. Warum bleiben die großen Zusammenhänge stets hinter den akribischen Einzelfakten zurück? Weil das Bildungssystem wie eine Schreinerlehre funktioniert: Zuerst muss man etwas vom Nagel wissen und dann wird der Hammer heraus geholt.
Das Bild des Nürnberger Trichters drängt sich auch heute noch auf. Selbst im 21. Jahrhundert steckt uns das 16. Jahrhundert immer noch in den Gliedern. Und nicht nur dort, im Kopf hat es sich ganz besonders festgesetzt. Um damit auf meine Anfangsfrage zurückzukommen: Ist Bildung tatsächlich ein Gut? Ich bin entschieden anderer Meinung: Bildung spiegelt für mich die Fähigkeit von Menschen wider, sich in ihrer Welt orientieren zu können. Sie ist kein Objekt, sondern eine Eigenschaft des Subjekts. Doch so etwas in ist unserer so aufgeklärten Welt natürlich nicht objektivierbar.
Ebenso wie die Begeisterungsfähigkeit von Lehrkräften. Denn darauf kommt es in erster Linie an. Das allerdings ist wiederum ein anderes Thema.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
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Bernd Niquet, TAUPUNKTE, Erzählung, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009, 133 Seiten, 9,95 Euro. ISBN 3-86901-434-2.
Das neue Buch von Bernd Niquet bezieht sich nicht direkt auf die Börse und die Finanzen, sondern packt den Menschen in seiner Gesamtheit. Wie wäre es, fragt er, wenn man plötzlich ganz neu in unsere Welt hinein träte, ohne jede Historie in ihr zu besitzen? Wie würde man die Welt dann wahrnehmen? Und mit wem hätte man Umgang?
Auf jeden Fall stünde man wohl ziemlich alleine da, schwämme gegen den Strom und bewegte sich gegen den Strich – ganz so also, wie es auch dem erfolgreichen antizyklisch orientierten Anleger geht.
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