Von Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnete bei 1.2655 US-Dollar, nachdem zuvor im europäischen Handel Höchstkurse bei 1.2747 Dollar und im asiatischen Handel bei 1.2634 Dollar markiert wurden. Der Dollar stellt sich gegenüber dem Yen auf 84.25. In der Folge notiert Euro-Yen bei 106.60, während Euro-Franken bei 1.2950 oszilliert. Der Devisenmarkt hat sich derzeit neue „Opfer“ ausgesucht. War der Euro das präferierte „Opfer“ im ersten Halbjahr, steht jetzt der Yen im Mittelpunkt der spekulativen Attacken. Je dramatischer die Gesamtsituation in Japan ist, desto stärker ist das Kaufinteresse der spekulativen Kräfte, Yen zu erwerben. Die neu aufgelegten und gerade verkündeten Programme reichen dem Markt nicht. Erst wenn es Japan besser geht, kann “logischerweise“ der Yen verkauft werden. Falls Sie hier einen ironischen Unterton erkennen, liegen Sie richtig!
Diese Handlungsweise steht fraglos im Widerspruch zu jedwedem natürlichen Risikoverhalten. Normalerweise kaufen Sie eine Währung, wenn die Daten besser werden oder verkaufen die Währung, wenn es dem Land schlechter geht. In der neuen Welt der Spekulation „a la 2010“ gelten zunächst andere Gesetze. Da werden die größten Defizitsünder USA und Japan am Markt hochgejubelt, da werden Reformländer nicht nur vom Markt, sondern auch noch von US-Ratingagenturen abgestraft. Diese „antiautoritären“ Bewertungsmuster haben den Charme der neuen Paradigmen Alan Greenspans. Sie sind ein temporäres Phänomen, das ultimativ für die Allgemeinheit durch Fehlallokation des Produktionsfaktors Kapital mehr Schaden generiert, als daß es Nutzen für die Spekulationstreiber stiftet.
Wenn der Yen unter spekulativen Attacken leidet, springt auch die Spekulation zu Gunsten des Schweizer Franken sofort wieder an. Nun sind die Fundamentaldaten der Schweiz in der Tat geeignet, auf dem ersten Blick Vertrauen zu generieren. Die nach wie vor gute Auftragslage in der Schweizer Wirtschaft hat tendenziell aber mehr mit mangelnder Lagerhaltung in der Weltwirtschaft zu tun, aus der sich Preisüberwälzungsspielräume ergeben, als daß es innere Stärke ist.
Die Unruhe, die die spekulativen Attacken auf den Yen hervorrufen, ist ausgeprägt. So wird der Nikkei, dann die Aktienmärkte des Rests der Welt abverkauft, das führt zu Kapitalzuflüssen in die AAA-Bondmärkte, es erhöht die Risikoaufschläge der Reformländer und impliziert grundsätzlich zunehmende Risikoaversion.
Aber was passiert wirklich in der Welt? Wir schauen zunächst nur auf die aktuellen Meldungen…
Makro:
Indien wächst unerwartet stark im 2.Quartal 2010 um 8,8%
Kasachstan erhöht die Wachstumsprognose von 4% auf 5%.
Das Verbrauchervertrauen in Großbritannien legt unerwartet zu.
Die Anzahl der Erwerbstätigen in Deutschland steigt auf 40,305 Millionen.
Bis auf den Einkaufsmanagerindex in Japan überraschen alle anderen Daten positiv.
Mikro:
Bertelsmann hebt die Gewinnprognose unerwartet an, Werbeboom verantwortlich.
Strabag bestätigt Ausblick, Auftragsbestand +10%
Sparkassen Immobilien AG meldet erfolgreiches erstes Halbjahr
Was für den heutigen Tag gilt, gilt für die meisten der vergangenen 30 Tage. Es stellt sich die Frage, woher sich der Markt die Begründung nimmt, massive Konjunkturskepsis und daraus resultierende Risikoaversion zu generieren?
Die aktuelle Faktenlage ist sowohl mikro- als auch makroökonomisch nicht geeignet, diese Gemütslage des Finanzmarkts zu rechtfertigen.
Ebenso ist die Lage bezüglich des nicht abgearbeiteten Lagerzyklus (80% der Weltwirtschaft - Felix Helvetia!), des anspringenden Investitionsgüterzyklus (80% der Weltwirtschaft) und des gerade ansetzenden Konsumzyklus (65% der Weltwirtschaft) nicht geeignet, negative Gemütslagen sachlich zu rechtfertigen und am Finanzmarkt zu forcieren.
Auch der Blick auf die geographische Komposition des internationalen BIP und Wachstums kann voll überzeugen. 50% der Weltwirtschaft wird von Schwellenländern gestellt, die weitgehend unabhängig von westlicher Finanzierung bei überwiegend Topverschuldungsdaten unsaturierte Märkte aufweisen und mit mehr als 6% wachsen. 20% der Weltwirtschaft stellen starke Industrienationen dar, die mit mehr als 2% Wachstum reüssieren. 8% der Weltwirtschaft stellen die Reformländer Griechenland, Portugal, Spanien, Irland und Großbritannien. Summarisch wachsen selbst diese Länder und die Reformen erhöhen zukünftiges Potentialwachstum. Die USA und Japan laufen dem Zug hinterher. Wer nicht reformiert, den bestraft das Leben, hätte Gorbatschow voraussichtlich gesagt! Diese 22% Problemfälle stehen 70% starke Substanz entgegen. Mehr gilt es hier nicht zu sagen!
Wir nehmen diese Sichtweisen des Finanzmarkts zur Kenntnis und fragen uns, ob der nachhaltige Aufschwung zerredet werden soll? Darf es dem Rest der Welt nicht gutgehen, wenn es bei dem Hegemon (aus guten Gründen) nicht läuft?
Wenden wir uns den Veröffentlichungen des Vortages zu: Der „Economic Sentiment Index“ der Eurozone legte von revidiert 101,1 (zuvor 101,3) auf 101,8 Punkte zu und übertraf damit leicht die bei 101,7 Zählern angesiedelte Konsensprognose. Das Industrial Sentiment verharrte bei -4. Das Consumer Sentiment legte von -14 auf -11 Punkte zu. Das Service Sentiment stieg von +6 auf +7 Punkte. Der Index hat das höchste Niveau seit März 2008 erreicht. März 2008 war ein Monat, als die gesammelte Elite der Weltwirtschaft ihre Wachstumsprognosen aggressiv nach oben anpaßten. Seinerzeit hatten wir übrigens die Gegenposition eingenommen und für das 2. Halbjahr eine deutliche Abkühlung unterstellt. In der Folge unserer skeptischen Haltung für den Aktienmarkt im Jahr 2008 verloren wir sogar eine regelmäßige Fernsehsendung.
In den USA legten die persönlichen Einkommen im Monatsvergleich um 0,2% (Prognose 0,3%) und im Jahresvergleich um 3,0% (zuvor 2,4%) zu. Die Konsumausgaben erhöhten sich im Monatsvergleich um 0,4% und im Jahresvergleich um 3,4%. Die Sparquote sank in der Folge von zuvor 6,2% auf nun 5,9%. Auch diese Datenreihe aus den USA ist nicht geeignet, nachhaltige Konjunkturskepsis zu untermauern.
Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das zunächst eine neutrale Haltung in der Parität Euro-Dollar favorisiert. Ein nachhaltiger Ausbruch aus der Bandbreite 1.2500 – 1.2930 eröffnet neue Dynamik.
Folker Hellmeyer ist Chef-Volkswirt der Bremer Landesbank.
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