Von Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnete bei 1.2715 US-Dollar, nachdem am Freitag im US-Handel Tiefstkurse bei 1.2665 Dollar markiert wurden. Der Dollar stellt sich gegenüber dem Yen auf 85.35. In der Folge notiert Euro-Yen bei 108.55 während Euro-Franken bei 1.3145 oszilliert. Der Euro bleibt erst einmal weiter unter Druck. Das gilt zu Gunsten des Dollar, es gilt zu Gunsten des Yen, des Franken und des britischen Pfund. Wir nehmen das zur Kenntnis.
Wir fokussieren uns hier auf Yen und Dollar. Sowohl die USA als auch Japan kümmern sich nicht ansatzweise um Reformen, sondern bewegen sich weiter auf einem Pfad aggressiver Defizitpolitik, ohne die strukturellen Schwächen zu adressieren, die ja gerade Grundlage der erneuten konjunkturellen Enttäuschung sind, da strukturelle Schwächen Potentialwachstum kosten!
Schauen wir auf die Entwicklung der fundamentalen Faktoren in den vergangenen Monaten:
Die US-Zahlen trüben sich ein. Das Analysegebäude der Dollar-Bullen, eine konjunkturelle „Outperformance“ der USA als Grundlage vorzeitiger Zinserhöhungen gegenüber der EZB, ist zerplatzt.
In Japan wird das nächste Konjunkturprogramm diskutiert, da es auch hier zu nicht unwesentlichen Eintrübungen in der Wirtschaft kommt.
Beide Länder mit sich abschwächendem fundamentalem Gerüst sind die Gewinner am Devisenmarkt gegenüber dem Euro, obwohl der Euro seit Mai 2010 latent mit überwiegend positiven Nachrichten und Daten überrascht. Das gilt sowohl für den nördlichen Sektor als auch den südlichen Sektor!
Wenn also zunehmende Risikoaversion dazu führt, Währungen der Länder mit negativ überraschenden Datenkranz zu erwerben und die Eurozone mit positiven Überraschungen abzustrafen, dann darf man hier von geistigem Spagat reden.
Es ist aber mehr als nur geistiger Spagat. Es ist vergleichbar mit der „Cash-Burn Rate“ des jungen Jahrtausends. Seinerzeit wurden die Unternehmen der Telekombranche an der Börse hochgejubelt, die pro Kunden die höchsten Marketingausgaben vorwiesen (20.000 Dollar und mehr).
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, daß die Markteffizienztheorie der modernen Volkswirtschaftslehre sehr viel „Leere“ zu bieten hat. Nein, Märkte sind nicht effizient, sie bieten aber immer einen Gleichgewichtspreis bezüglich der dominierenden Marktideologie. Machen wir ein Gedankenspiel: Wir werten den Dollar und Yen weiter auf. Damit wird die internationale Konkurrenzfähigkeit dieser beider Länder unterminiert. Ergo nehmen sie am Weltaufschwung unterproportionaler teil, da sie nicht reformbereit sind.
Die Wirtschaftsdaten werden in der Folge noch enttäuschender (z.B. USA Handelsbilanzdefizit, Konjunkturdaten). Da nach aktueller Marktideologie steigende Risikoaversion zu Kapitalzuflüssen in die USA und Japan führt, wird diese Entwicklung weiter forciert. Die niedrigere Bewertung des Euro führt verstärkt zu positiven konjunkturellen Überraschungen aus der Eurozone, die am Devisenmarkt ignoriert werden, aber gleichzeitig nur Folge einer Fehlbewertung sind und damit schlußendlich kein nachhaltiges Wachstum forcieren. Die aktuelle Marktideologie ist für alle betroffenen Länder kontraproduktiv. Aus diesem Grund wird sie auch nur eine temporäre Erscheinung sein, ebenso wie die „Cash Burn Rate“ oder die „Immobilien Burn Rate“. Die Frage ist nur, wieviel Schaden sie im Rahmen der Fehlallokation begründen kann.
Der Markt diskontiert nicht Fakten, sondern übt sich im Freiflug antiautoritärer Analyseansätze. Damit wird eine Fehlallokation des Produktionsfaktors Kapital etabliert. Die Erfahrungen aus den Jahren 2002 und 2007 sind nicht berücksichtigt. Es gibt keine Lernkurven. Seinerzeit schlugen die antiautoritären Analyseansätze ebenso fehl, wie es diesmal schlußendlich der Fall sein wird. Fakt ist, daß Europa trotz der massivsten Reformen seit Anbeginn der EU mit positiven Daten und Nachrichten überrascht. Das ist unerwartet, es ist sensationell und es wird derzeit noch ignoriert.
Entsprechend wird der Finanzmarkt auch nachfolgende Nachricht ignorieren wollen: Der DIHK hat die Wachstumsprognose per 2010 für Deutschland von zuvor 2,3% auf 3,4% erhöht. Es sei nicht nur der Export. Der Aufschwung gewinnt an Breite. Die Unternehmen investieren mehr. Der Konsum springt ob der positiven Arbeitsmarktentwicklung an. Sie kennen diese Argumentation schon seit einigen Monaten/Wochen aus diesem Report… . An dieser Stelle sei angemerkt, daß der DIHK so wie auch unser Haus Ende 2009 bereits die höchsten Prognosen lieferten. Wir mögen den DIHK ob der sachlichen Prognosefähigkeit!
Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das zunächst eine neutrale Haltung bezüglich Euro-Dollar favorisiert. Ein nachhaltiger Ausbruch aus der Bandbreite 1.2500 – 1.2930 eröffnet neue Dynamik.
Folker Hellmeyer ist Chef-Volkswirt der Bremer Landesbank.
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