Von Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnete bei 1.2815 US-Dollar, nachdem zuvor im europäischen Handel Tiefstkurse bei 1.2773 markiert wurden. Der Dollar stellt sich gegenüber dem Yen auf 85.425. In der Folge notiert Euro-Yen bei 109.25 während Euro-Franken bei 1.3220 oszilliert. Die Briten kennen den Ausspruch „What a funny old world!“ – dieser Ausspruch paßt haargenau auf den gestrigen Donnerstag. Es gab einmal mehr positive Daten aus den entscheidenden Zentren der Welt. Es gab auch einige negative Daten aus dem „letzten Waggon des Konjunkturzugs“. Schlußendlich war der Finanzmarkt lediglich fokussiert auf diese Daten des „letzten Waggons“. Im Juli stellte sich das US-Halbleiter „Book to Bill Ratio“ auf 1,23 nach revidiert 1,18. Das heißt pro 1 Dollar Auslieferung ergaben sich Neuaufträge im Umfang von 1,23 Dollar. Dieser Sektor der US-Wirtschaft ist stark und er wird stärker! Halbleiterumsätze sind Schlüsselumsätze der Weltkonjunktur. Daß dieser Index ignoriert wurde, ist schon erstaunlich!
Machen wir weiter auf der südlichen Halbkugel. Das Verbrauchervertrauen legte in Neuseeland per Berichtsmonat August von zuvor 115,6 Punkten auf aktuell 116,3 Zähler zu. Wir freuen uns ob dieser Entwicklung. „Downunder“ läuft! Wenden wir uns Großbritannien zu, das gerade in den Anfängen des markantesten Reformprogramms seit Maggie Thatcher steht. Es handelt sich hier um ein Land, das mit den Reformen Zukunftsfähigkeit schafft. Die Einzelhandelsumsätze nahmen per Juli im Monatsvergleich um 1,1% zu. Die Prognose war bei „nur“ 0,4% angesiedelt. Im Jahresvergleich stellte sich ein Anstieg um 1,3% (Prognose 0,6%) ein. Diese Zahlen sind für den aktuellen Prozeß, in dem sich das Vereinigte Königreich befindet als äußerst positiv zu klassifizieren.
EZB-Direktoriumsmitglied Honohan erkennt einen stärkeren Unterton der konjunkturellen Entwicklung in der Eurozone. Das freut uns, es war aber auch höchste Zeit, das zu erkennen. Es gäbe keine Besorgnis über Inflationsdruck. Das nehmen wir zur Kenntnis. Diese letztere Sichtweise Honohans mag jedoch sehr ambitioniert sein. Er betonte, daß die fiskalische Konsolidierung in Irland nach Plan verlaufe. Das ist ausgesprochen gut. Insgesamt sind es positive Einschätzungen oder bezüglich Irland positive Fakten. Übrigens hat Irland seine Refinanzierung per 2010 bereits abgeschlossen… .
Die Bundesbank schoß am Vortag den Vogel ab. Nachdem man sich bei EZB und Bundesbank bisher sehr bedeckt bei der Wachstumsprognose hielt und „Konjunkturrealismus“ nicht „en vogue“ war, erfolgte seitens der Bundesbank nun eine nachhaltige Anpassung. Die Bundesbank schreibt von einem „überraschenden“ Frühjahrsboom. Für die Bundesbank und die EZB mag es „überraschend“ sein, daß Aufholeffekte aus dem ersten Quartal, Anpassungen nicht gefüllter Lager (siehe Jahresbericht 2010), anspringende Investitionen nach 18 Monaten Stillstand in diesem Sektor und zarte Lebenszeichen des Konsums als Folge einer verbesserten Arbeitsmarktlage (siehe diverse Forex-Reports/Präsentationen/Vorträge) sich ergeben. Das nehmen wir zur Kenntnis. Deutlich wird daran, daß die Analysen unseres Hauses weder die Bundesbank noch die EZB erreichen. Das war auch vor 2007/08 der Fall.
Die Bundesbank erwartet jetzt für 2010 ein Wachstum im Dunstkreis von 3%. Bisher lag die Prognose bei 1,9%. Zum Jahreswechsel 2009/10 lag sie im Dunstkreis von 1%. Laut statistischen Bundesamt würde sich das deutsche Wachstum bei einem 0% Wachstum im zweiten Halbjahr 2010 bereits auf 2,8% im Jahresvergleich stellen. Mithin ist die 3% Prognose nicht als ambitioniert zu betrachten. Fakt ist jedoch, daß diese vom Finanzmarkt nicht erwartete Entwicklung eines Wirtschaftsraumes von 80 Millionen Menschen natürlich eine große Bedeutung hat.
Der Finanzmarkt fokussierte sich jedoch auf etwas anderes:
Die US-Arbeitslosenerstanträge stiegen in der aktuellen Berichtswoche von zuvor 488.000 (revidiert von 484.000) auf 500.000 (Prognose 476.000) an. Es ergab sich als ein Anstieg um 16.000 bei einer Bevölkerung in der Größenordnung von 320 Millionen Amerikanern. Fraglos handelt es sich um eine Enttäuschung, sie ist jedoch nicht markant. 12.000 (Vorwoche) oder 24.000 (Prognose) Arbeitslosenerstanträge mehr als zuvor oder erwartet bei einer Bevölkerung von 320 Millionen setzten am Donnerstag die Kapitalisierung der Weltaktienmärkte um mehr als 1 bis 2% unter Druck. „Chapeau“! Wir haben hier immer wieder darauf verweisen, daß die US-Wirtschaft von strukturellen Problemen gekennzeichnet ist und diesbezüglich das Wachstum beeinträchtigt wird. Die aktuellen Daten bestätigen das eindrucksvoll. Nur der Teil, der direkt mit der Weltwirtschaft verzahnt ist, läuft gut (z.B. Halbleiter, Produktion).
Die zweite Enttäuschung wurde vom Philadelphia Fed Survey per August geliefert. Hier ergab sich unerwartet ein Einbruch von zuvor 5,1 auf -7,7 Punkte. Die Prognose war bei 7 Zählern angesiedelt. Mit dem Unterschreiten impliziert der Index per August Kontraktion. Es ist der erste negative Wert seit Juli 2009. Der Auftragsindex sank von -4,3 auf -7,1 Punkte. Der Beschäftigungsindex verlor von 4,0 auf -2,7 Zähler. Dagegen verbesserte sich der Index, der die Investitionspläne abfragt. Hier legte der Index von 8,6 auf 12,3 Punkte zu. Die Frühindikatoren des „Conference Board“ legten im Monatsvergleich um 0,1% zu und entsprachen damit der Prognose. Der Vormonatswert wurde von -0,2% auf -0,3% revidiert, so daß dieser Index gleichfalls nicht überzeugen konnte.
Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das zunächst eine neutrale Haltung bezüglich Euro-Dollar favorisiert. Ein nachhaltiger Ausbruch aus der Bandbreite 1.2500 – 1.2930 eröffnet neue Dynamik.
Folker Hellmeyer ist Chef-Volkswirt der Bremer Landesbank.
Weitere Informationen zu kostenlosen Newslettern der Bremer finden sie hier.


