Von Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnete bei 1.2845 US-Dollar, nachdem am Vortag im europäischen Handel Höchstkurse bei 1.2915 markiert wurden. Der Dollar stellt sich gegenüber dem Yen auf 85.40. In der Folge notiert Euro-Yen bei 109.70 während Euro-Franken bei 1.3410 oszilliert. Moody’s hat unverändert Zweifel bezüglich des fiskalischen Ausblicks Spaniens trotz der nachhaltigen Maßnahmen, die Spanien umsetzt. Es könnte hier der Eindruck entstehen, daß hier einmal mehr spekulatives Momentum gegen den Euro forciert wird. Wir nehmen diese Einlassung seitens Moody’s zur Kenntnis. Es ist erstaunlich, daß stringenteste Maßnahmen ein derartiges Echo hervorrufen bei einem Land, das derzeit eine Staatsverschuldung von circa knapp 60% des BIP hat. Das gilt vor allem bezüglich der Bewertung der Fortschritte in Spanien durch IWF und EU-Kommission. Mit anderen Worten ignoriert Moody’s Fakten! Eigentlich ist es sogar absurd, wenn wir Richtung USA schauen. Die USA kümmern sich nicht um Reformen und verschulden sich mit circa 10% des BIP pro Jahr neu und haben einen Schuldenstand von derzeit 92% des BIP. Moody’s bewertet das mit AAA ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
Es ist mehr als sonderlich, daß der Maßstab an Spanien oder andere Länder nicht dem Maßstab entspricht, der für die USA angelegt wird. Mehr gilt es hier nicht zu sagen. Der Rest, der zu sagen wäre, ergibt sich zwingend für logisch denkende Menschen. Wir freuen uns, daß China nun mit einer eigenen Ratingagentur namens „Dagong Global Credit Rating“ Bewegung ins Spiel bringt. Der Chef der Ratingagentur Guan Jianzhong sagte, daß die westlichen Agenturen vor allem nach politischen und ideologischen Vorgaben einstufen und sich nicht an objektive Kriterien halten. Der Fall Spanien belegt das eindrucksvoll. Nun denn, bei Dagong sind die USA übrigens nicht mehr AAA.
Wenden wir uns damit den Einlassungen von Bill Gross zu. Bill Gross (PIMCO) sagte, daß Investoren sich über die Reflationierungsbemühungen der Federal Reserve bewußt sein sollten. Nach seiner Ansicht zielt die Fed auf Verbraucherpreise im Bereich von 2%. Das ist offensichtlich. Die „Leichtigkeit“ der Inflation ist für Schuldensysteme grundsätzlich erstrebenswert. Das gilt nicht nur für die USA. Darüber hinaus empfahl Gross der US-Regierung, das ganze Hypothekengeschäft in den USA zu verstaatlichen. Es wäre eine Fehlannahme zu glauben, daß der private Hypothekensektor auf absehbare Zeit eine bedeutende Rolle spielen werde. Der Staat sei Teil der Zukunft. Die USA brauchen eine ausgeweitete Bilanz seitens der Regierung.
Diese Einlassung ist bemerkenswert und bedarf einer Untersuchung. Gross sagt damit aus, daß das System freier Märkte für die USA weiterhin in wesentlichen Sektoren nicht praktikabel ist. Er sagt damit aus, daß selbsttragende Kräfte nicht ausreichend gegeben sind. Einige „USA Fans“ blenden diese Tatsachen in ihrer Bewertung aus. Das ist bedauerlich, denn hier handelt es sich um Ordnungspolitik. Nur in schwachen Ländern degeneriert Ordnungspolitik in Richtung opportunistischer Beliebigkeit. Mehr noch, er verlangt von hochverschuldeten privaten US-Haushalten (=Staat) weitere Interventionen, um Stabilität zu generieren. Anders ausgedrückt sagt Gross, daß das Hypothekengeschäft des privaten Finanzsektors mangels Werthaltigkeit der Objekte oder mangels Bonität der Schuldner nicht in Gang kommt. Diesbezüglich soll jetzt die Gesamtherde der verschuldeten Haushalte (=Staat) mit nicht ausreichend kreditwürdigen Immobilen ausgestattet, die vom Privatmarkt als nicht kreditwürdig klassifiziert wird, diese Rolle übernehmen.
Vereinfachtes Fazit: Von der Privatwirtschaft als nicht kreditwürdig klassifizierte Haushalte geben sich selbst als Gesamtherde „Staat“ den Kredit und werden von Moody’s, S&P als auch Fitch dafür mit AAA belohnt. Wir enthalten uns einer weiteren Kommentierung an dieser Stelle.
Zunächst gilt es, sich dem „ZEW Indicator of Economic Sentiment“ zuzuwenden. Der Index sank per August unerwartet stark von zuvor 21,2 auf 14,0 Punkte. Die Konsens-Prognose war bei 21,0 Punkten angesiedelt. Die Erwartungshaltung der befragten Finanzmarktteilnehmer hat damit einen profunden Dämpfer erhalten. Trotz alledem belegt der Indexstand mit 14 Punkten, daß die optimistischen Stimmen in der Mehrheit sind.
Dieses Niveau des Optimismus ergab sich zuletzt per April 2009 (13,0 Punkte). Seinerzeit markierte der Beginn des 2. Quartals 2009 den Wendepunkt der Weltwirtschaft von Rezession in Expansion. Das macht fraglos nachdenklich und eröffnet die Fragestellung, ob hier erneut ein tragfähiger Wendepunkt auf der Agenda steht?
Zunächst gilt es, zu konstatieren, daß sich in der Tat Teile der Weltwirtschaft in der Aufwärtsdynamik zuletzt abkühlten. Das war und ist partiell gewollt,
beispielsweise wegen Überhitzungsrisiken in China.
In den USA und Japan sind es nach zum Teil fulminanten Aufholeffekten aus der Krise heraus strukturelle Schwächen, die eine dynamische Fortsetzung des Aufschwungs verhindern.
In Südeuropa, Irland und Großbritannien sind es markante Reformen, die Dynamik kosten, aber erhöhtes zukünftiges Wachstum ermöglichen.
Aber auch in Deutschland besteht ein Risiko. Das sensationelle Wachstum des zweiten Quartals ist eben auch Resultat des scharfen Wintereinbruchs im 1. Quartal 2010, so daß das 2. Quartal neben der endogenen konjunkturellen Stärke von Aufholeffekten aus dem 1. Quartal geprägt war. Das Wachstum des 2. Quartals wird sich so voraussichtlich nicht fortsetzen. Wir schließen es aber bezüglich des anhaltenden Lagerzyklus, des in Kinderschuhen stehenden Investitionsgüterzyklus und des beginnendem Konsumzyklus nicht aus. Diese Drei Impulse können sich übrigens gegenseitig befeuern und wirken auf jeden Fall mittel- und langfristig weiter.
Ergo ist die Haltung der Finanzexperten vor diesem Hintergrund zunächst einmal grundsätzlich verständlich. Andererseits sind die Marktteilnehmer, die hier befragt werden, in den vergangenen 15 Monaten durchgängig zu pessimistisch gewesen. Die Mehrheit der Finanz- und Wirtschaftsexperten üben sich seit 15 Monaten in der Anpassung ihrer Prognosen an die positive Realität. Das macht nachdenklich. Offensichtlich ist weniger sachliche Analyse Grundlage der Bewertung, als vielmehr der psychologische Schock, den die Krise ausgelöst hatte. Nicht der „Homo Oeconomicus“ dominiert, nein, es ist der „Homo Panicus“ oder der „Homo Emotionalis“.
Die gegenwärtige Lage wird im ZEW Index auch durch Finanzexperten bewertet. Hier ergibt sich ein Anstieg von zuvor 14,6 auf 44,3 Punkte. Im Mai 2009 wurde hier ein Tiefstwert von -92,8 Punkten markiert. Der aktuelle Wert bei 44,3 Punkten hat jedoch die Höchstwerte aus dem Sommer 2007 bei 88,7 Zählern bei weitem nicht erreicht. Das 2. und 3. Quartal 2007 reüssierte mit Quartalswachstum bei 0,3% respektive 0,7% und nicht wie zuletzt 2,2% per 2. Quartal 2010.
Hier wird eine signifikante Divergenz in der Bewertung deutlich, die als Ausdruck der zuvor thematisierten skeptischen/emotionalen Grundhaltung interpretiert werden kann. Wir nehmen die jüngste Tendenz des ZEW-Indikators zur Kenntnis. Die Leistungsbilanz der Eurozone lieferte eine Defizit in Höhe von -4,6 Mrd. nach zuvor -7,4 Mrd. Euro (revidiert von -5,8 Mrd. Euro). Hier lagen keine Prognosen vor. Die Defizitlage ist in der Tendenz seit dem 4. Quartal 2008 rückläufig. Die Defizitlage verdient die Klassifizierung „unspektakulär“.
Der Datenpotpourri aus den USA lieferte ein uneinheitliches Bild: Die Erzeugerpreise legten per Juli im Monatsvergleich um 0,2% (Prognose 0,3%) zu. Im Jahresvergleich stellte sich ein Anstieg um 4,1% nach zuvor 2,7% ein. Dieses Niveau von 4,1% läßt keine Deflationsdebatte zu.
Die Neubaubeginne enttäuschten mit einem annualisiertem Wert von 546.000 Objekten per Juli. Die Prognose lag bei 560.000. der Vormonatswert wurde darüber hinaus von 546.000 auf 537.000 revidiert.
Positive Akzente setzte die Industrieproduktion per Juli. Hier stellte sich ein Anstieg in Höhe von 1,0% im Monatsvergleich ein. Die Prognose war bei 0,5% angesiedelt. Daß der Vormonatswert von +0,1% auf -0,1% revidiert wurde, nehmen wir als Nebengeräusch zur Kenntnis. In der Folge der positiven Entwicklung legte die Kapazitätsauslastung von zuvor 74,1% auf 74,8% zu. die Prognose lag bei 74,6%.
Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das zunächst eine neutrale Haltung hinsichtlich Euro-Dollar favorisiert. Ein nachhaltiger Ausbruch aus der Bandbreite 1.2500 – 1.2930 eröffnet neue Dynamik.
Folker Hellmeyer ist Chef-Volkswirt der Bremer Landesbank.
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