Von Folker Hellmeyer
Der Euro eröffnete bei 1.2780 US-Dollar, nachdem im US-Handel Tiefstkurse bei 1.2733 Dollar markiert wurden. Der Dollar stellt sich gegenüber dem Yen auf 86.50. In der Folge notiert Euro-Yen bei 110.55, während Euro-Franken bei 1.3405 oszilliert. Am Mittwoch stand Ben Bernanke mit seiner Senatsanhörung im Mittelpunkt des Interesses. Seine Einlassungen hatten einmal mehr wesentliche Marktwirkung. Die Aufmerksamkeit, die diesen Protagonisten trotz ihrer Fehlleistungen in der Ausformung ihrer Zentralbankpolitik als Voraussetzung der größten Krise seit 1929/32 und ihrer latenten Fehlbewertungen bei der Einschätzung der Krise als auch der weiteren konjunkturellen Entwicklungen unverändert zukommt (Stabprojektionen als Nacherzählung oder Prognosen?), ist durchaus erstaunlich. Als Händler einer Finanzinstitution wäre man mit einem solchen „Trackrecord“ längst nicht mehr Angestellter. Den Stabilisierungserfolg durch die homogene internationale Interventionspolitik dürfen wir hier nicht vergessen. Das nivelliert natürlich den negativen „Trackrecord“ ein Stück weit! Nun denn, Fakt ist, daß der Markt diesen Protagonisten immer noch an den Lippen hängt und diese Protagonisten damit Marktmacht haben und leben.
Kommen wir zu Bernankes Einlassungen:
Ben Bernanke betonte, daß der konjunkturelle Ausblick ungewöhnlich unsicher sei.
Das können wir nachempfinden. Die Schwäche in wesentlichen Sektoren ist ausgeprägt. Nur der Teil der Wirtschaft reüssiert, der direkt mit der Weltwirtschaft verzahnt ist. Die USA sind eben nicht mit einem primär zyklischen, sondern mit einem maßgeblichen strukturellen Problem konfrontiert sind (zu wenig Produktion, zu viel Konsum; zu viel Leverage; zu hohe Verschuldung bei Privathaushalten/Staat; unterhöhltes System der „Checks & Balances; Lobbydemokratie; dominierende Partikularinteressen in Washington via Wall Street).
Vor diesem Hintergrund sei die Fed darauf vorbereitet, mehr Politikmaßnahmen umzusetzen, als es notwendig wäre.
Hier wird eine klare Diskrepanz zum Rest der Welt deutlich. Während Europa sich im Rahmen der weltwirtschaftlichen Erholung konsolidiert, wird in den USA ein entgegengesetztes Programm aufgerufen, das mindestens „Weiter so“ oder aber „Wir geben noch mehr Defizitgas“ lautet. Aus diesem Umstand für den Dollar Attraktivität abzuleiten, ist ambitioniert. Wenn Risikoaversion, wie gestern als Folge der Bernanke-Äußerungen zunimmt, ist es sachlich vor diesem Hintergrund geboten, den Dollar zu meiden. Der Euroabverkauf ist vor diesem Hintergrund sachlich nicht sinnvoll.
Derzeit seien die großen Defizite eine wichtige Hilfe für die US-Wirtschaft.
Dem ist nicht zu widersprechen. Diese Tatsache sagt jedoch etwas über die Qualität des US-BIP und des Wachstums aus. Von Budgetdefiziten von mehr als 10% des BIP abhängig zu sein, um kurzfristige Stabilität der Gesellschaft zu gewährleisten, ist prekär. Diese Einlassung ist faktisch gegenüber dem Finanzmarkt ein Offenbarungseid, der einmal mehr nicht sachlich korrekt vom Markt diskontiert wird. Ob es hier dem Markt an Verständnis mangelt oder andere Motivationen dominieren, sei dahingestellt!
Man sehe sich der übelsten Arbeitsmarktsituation seit der großen Depression ausgesetzt.
Das ist eine realistische Bewertung! Wir vergleichen die Situation mit Deutschland. Wir hatten keine 10% - 12% Budgetdefizit, sondern nur 3,3%! Wir haben seit zwölf Monaten eine latente Belebung des Arbeitsmarkts, die jetzt dazu geführt hat, daß die Arbeitslosenzahlen unterhalb der Marke vor dem Ausbruch der offensichtlichen Krise liegen!
Die Fed sieht ein Szenario einer moderaten Erholung immer noch als Hauptszenario an.
Das schließen wir im Rahmen der „Möglichkeiten“ der US-Statistik nicht aus. Die Weltwirtschaft mit mehr als 4% Wachstum zieht die USA ein Stück weit mit. Die USA sind jedoch eben nicht die Konjunkturlokomotive, sondern einer der letzten Waggons des Konjunkturzugs. Sich in der Tendenz an Finanzmärkten bezüglich der zukünftigen Entwicklung nach den USA auszurichten, verbietet sich förmlich vor diesem Hintergrund (50% des Welt-BIP durch Schwellenländer, 25% durch starke Industrienationen).
Wir nehmen die Reaktionen des Finanzmarkts zur Kenntnis. Es ist jedoch fraglos irritierend, die mangelnden Lernkurven am Finanzmarkt zu erkennen.
Die USA schwächeln konjunkturell und der Dollar gewinnt.
Europa rekonfiguriert sich, die USA bleiben tiefdefizitär, der Dollar gewinnt.
Es ist an der Zeit, aus den Fehlern der vergangenen zehn Jahre zu lernen. Ein Fehler war ein zu großer Vertrauensvorschuß für die geistige Führung, die von der Wall Street ausging. Das galt für die „Cash Burn Rate“, es galt für die „Immobilien Burn Rate“ und es gilt für die heutige „Kaufkraft Burn Rate“, die vielen Marktteilnehmern noch nicht einmal bewußt ist! Es ist schon eine Leistung, innerhalb von nur zehn Jahren drei „Burn Rates“ zu produzieren und sie der Welt auch noch als (temporären) Erfolg vorzugaukeln. Es ist durchaus beschämend, daß insbesondere Europas Finanzeliten (mit wenigen Ausnahmen) diese Dinge nicht angemessen durchschau(t)en!
Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den Euro gegenüber dem Dollar favorisiert. Ein Unterschreiten der Unterstützungszone bei 1.2500-1.2550 neutralisiert den positiven Bias.
Folker Hellmeyer ist Chef-Volkswirt der Bremer Landesbank.
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