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Eigentlich gar nicht zu fassen

Samstag, 2. August 2008 um 09:44

Von Bernd Niquet

Um ein System in Gänze beobachten und überblicken zu können, müsste man sich aus ihm heraus begeben können. Leider gelingt so etwas meistens nur unzulänglich. Doch wenn es einmal gelingt, dann ist das eine große Stunde. Das Verständnis von der Erde als Kugel hat sich in jedem Fall erst in dem Moment wirklich durchgesetzt, nachdem das erste aus dem Weltraum aufgenommene Foto existierte.

In den vergangenen Tagen habe ich Urlaub gemacht und mich ausschließlich mit dem Strand und dem Meer beschäftigt. Die Launen des Meeres, seine Stimmungen, seine Farben sowie die schnellen Übergänge von einem Zustand zum anderen. Dazu die Wolken und das diesen Naturereignissen angepasste Verhalten der Menschen. Einmal der Strand völlig menschenleer, dann ein großes Gewusel und alles in immer wiederkehrenden Zyklen. Und wer dies und das Folgende auf die Börse beziehen möchte, der kann das durchaus tun.

Als ich wieder zu Hause angekommen bin, schalte ich am Abend den Fernseher an. Und in nur fünfzehn Minuten muss ich mehr verschiedenartige Eindrücke in mich aufnehmen als vorher in Wochen. Ich halte mir den Kopf und es stopft und stopft und stopft. Es ist wie ein Schock, ich bin völlig paralysiert. So könnte sich ein Elch neben der Autobahn fühlen, denke ich. Oder ein Steinzeitmensch im Kaufhaus. Und in dieser Welt wachsen unsere Kinder auf. Es ist eigentlich gar nicht zu fassen.

Zuerst verliert man den Verstand, dann verliert man sein gesamtes Ich. Die Gesetze der Natur sind in Gänze ausgehebelt. Hier gibt es keinen Normalzustand mehr, keine Überraschungen mehr, keinen Leerlauf und keine Steigerung, kein Grau, keinen Schatten und keine Zwischentöne. Hier ist alles bunt, schrill, laut und aufgeregt. Hier wird jede Sekunde mit aller Heftigkeit um Aufmerksamkeit gebuhlt.

Doch wie viel Aufmerksamkeit habe ich eigentlich zu vergeben? Nach den fünfzehn Minuten bin ich bereits sichtlich erschöpft. Und in dieser Welt wachsen unsere Kinder auf und sehen jeden Tag wesentlich mehr Fernsehen. Und sie sind nicht erschöpft. Es ist eigentlich gar nicht zu fassen. Doch sie müssen sich dem Medium stellen. Denn so ist unsere heutige Welt. Die Kinder von der Reizüberflutung fernzuhalten, wäre der größte Fehler. Schließlich müssen sie lernen, mit dem Überfluss klarzukommen.

Und was mir noch aufgefallen ist: Wenn man die Deutschen nachdrücklich genug auffordert, mitzuklatschen, mitzumarschieren und eine Polonaise zu bilden, dann klatschen sie auch mit, marschieren mit und bilden eine Polonaise. Egal, ob es dabei Land im Osten, Aktienkursgewinne oder eine Eintrittskarte zum Rhododendron-Parkfest zu gewinnen gibt. Es ist eigentlich gar nicht zu fassen. Und dennoch funktioniert bei uns alles, gestern, heute und sicher auch morgen. Es ist wirklich kaum zu fassen.

Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.


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Bernd Niquet, Der MADchester-Kapitalismus. Das Buch zur Krise, München 2008, 143 Seiten. 12 Euro, ISBN 978-3-937200-49-1. Jetzt hier bestellen.

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