Von Bernd Niquet
In einer vergangenen Kolumne habe ich kritisiert, dass unsere neue Bildungspolitik die Kinder mit der Ganztagsschule in eine vorstrukturierte Ordnung zwingt und ihnen damit ihre ursprüngliche Kreativität nimmt. Man erreicht damit, so meine These, genau das Gegenteil dessen, was man eigentlich intendiert. Daraufhin habe ich eine sehr interessante Leserzuschrift bekommen, in der es heißt: „Ich bedauere die Kinder, die um die Entscheidungen, wie sie den Nachmittag verbringen, gebracht werden. Für mich stellt sich die Frage, wie kommt es, dass Menschen, die keinen direkten Vorteil aus dem Nachmittagsunterricht der Jugendlichen ziehen, eine solche Denkweise entwickeln oder zumindest dem zustimmen?“
Tja, wie kommt es eigentlich dazu? Warum verhalten sich Menschen so? Warum verhalten wir uns so? Das ist eine überragend wichtige Frage, denke ich. Und da sie in viele andere Bereiche hinein spielt, mit denen ich mich derzeit beschäftige – und ich aus diesem Grund einen weitreichenden Zusammenhang sehe – will ich an dieser Stelle eine Antwort versuchen:
Das größte Ziel der Menschen im Umgang mit der Welt, so mein Ausgangspunkt, ist es, die Dinge zu objektivieren. Dieses Vorgehen speist sich aus zwei prinzipiell völlig verschiedenen Quellen:
Auf der einen Seite ist dies unsere wissenschaftliche Vorgehensweise. Wir alle gehen davon aus, dass die Natur nach einer objektiven Ordnung funktioniert, deren Gesetze wir früher oder später vollständig ergründen können. Dazu haben wir jedoch den Dingen „den Geist auszutreiben“. Alles Subjektive muss folglich restlos ausgemerzt werden, lautet daher die Maxime, deren letzte Konsequenz darin besteht, den Menschen selbst zum Objekt zu reduzieren. Jeder Blick in die moderne Wissenschaft, wie sie beispielsweise in der Medizin, der Psychologie und der Ökonomie betrieben wird, lässt das sehr deutlich zu Tage treten.
Auf der anderen Seite benötigen wir die Objektivität auch dazu, um komplexe Dinge wiederholbar, nachvollziehbar und verstehbar zu machen. Der riesige Staatsapparat, wie auch jedes große Unternehmen, kann dem Einzelnen keine Extrawurst und Einzelbehandlung gestatten. Das würde viel zu viel Zeit, Aufwand, Kosten und Überwachung bedeuten. In diesen Bereichen werden folglich strenge allgemeine Regeln benötigt, sprich Objektivität, um einerseits diese riesigen Systeme zu steuern, andererseits aber auch das Scheitern nachvollziehbar zu machen. Sich um den Einzelnen oder den Einzelfall zu kümmern, dafür ist heute weder Zeit noch Geld mehr vorhanden.
Die Schulen bilden dieses Modell konsequenterweise nach. Multiple Choice-Aufgaben sind nicht nur leichter zu korrigieren, sondern auch zu hundert Prozent objektivierbar, was für einen Besinnungsaufsatz hingegen niemals gelten kann. Hinzu kommt die allgemein immer weiter zunehmende Tendenz zur Bürokratisierung und Verwaltbarkeit. Sie wird andauern, bis der letzte Fluss begradigt, der letzte Parkraum mit Schildern ausgewiesen und der letzte freie Menschengeist ausgetrieben ist.
Und im Grunde genommen genießt der Mensch das ja auch. Noch im Jahr 1930 hat Sigmund Freud in seinem Aufsatz „Das Unbehagen in der Kultur“ mit Sorge darauf hingewiesen, dass jede menschliche Kultur nur eine Ersatzbefriedigung ist, die an die Stelle der wirklichen und ursprünglichen Triebe tritt. Doch seitdem sind fast achtzig Jahre vergangen und heute schert sich kaum mehr jemand darum. Der moderne Mensch der Jetztzeit lebt seine Triebe wunderbar in Fanzonen aus, der Urlaub wird aus dem Katalog gebucht und selbst Swinger-Clubs sind ja auch nichts anderes als Fanzonen.
Träte jedoch plötzlich an die Stelle der Objektivierung und Versachlichung der vom Geist und Trieb kastrierten Dinge plötzlich wieder die Ursprünglichkeit, würde der Mensch von der Angst überwältigt schnell Reißaus nehmen. Und das klärt in gewisser Weise auch die Ausgangsfrage. Warum verhalten sich die Menschen von heute so, wie sie sich verhalten? Weil jeder Eunuch seine Söhne eben selbst auch wieder zu Eunuchen machen will.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
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Bernd Niquet, Der MADchester-Kapitalismus. Das Buch zur Krise, München 2008, 143 Seiten. 12 Euro, ISBN 978-3-937200-49-1. Jetzt hier bestellen.









