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Tolle Amis!

Montag, 22. September 2008 um 16:33

Von Bernd Niquet

So einen Börsentag wie den vergangenen Freitag habe ich in meiner mehr als dreißigjährigen Börsengeschichte noch nicht erlebt: Commerzbank plus 20 Prozent, Deutsche Bank plus 15 Prozent, der Dax plus 5,5 Prozent und der Dow in zwei Tagen mehr als 8 Prozent im Plus.

Und wer am Freitag sowohl die „Tagesschau“ als auch das US-Fernsehen gesehen hat, wird sehr gestaunt haben. Bei uns sind die Hauptschlagzeilen die KfW und das larmoyante Politikergezerre, wohingegen in den USA sich alles um den großen Wurf der Politik dreht. Hier wird ein großer Staatsfonds aufgelegt, um die illiquiden Immobilienpapiere aufzunehmen und die Banken mit Bargeld zu versorgen.

Die Politik hat in den USA gezeigt, dass sie handlungsfähig ist. Und die westliche Führungsmacht hat erneut demonstriert, dass sie und warum sie Führungsmacht ist. Hier wird nicht kleinkariert geredet wie bei uns, hier werden Panzer aufgefahren und gehandelt. Und es sieht gar nicht dumm aus, was die USA da vorhaben.

Wenn die Pest ausbricht, kann man die Patienten nicht mehr an den Hausarzt verweisen. Aber bei uns würde nicht einmal im Fall des nationalen Notstands das Apothekenmonopol fallen. Die USA schicken hingegen die Truppen los. Und das ist gut so und auch richtig so.

Die Stimmen hierzulande erinnern an Oskar Lafontaine vor der Deutschen Vereinigung. Den Vogel schießt der Fondsmanager Martin Siegel ab. Unter der Überschrift „Währungsreform am Wochenende“ schrieb er: „Wichtig ist, dass Sie jetzt den Zugriff auf eine kleine Menge an Edelmetallen haben. Zudem sollten Sie sich um einen gewissen Bargeldbestand kümmern, um in den nächsten Tagen liquide zu sein. Falls Sie noch über irgendwelche Zertifikate verfügen, sollten diese sofort liquidiert werden. Sie könnten bereits am Montag wertlos sein.“ Das ist ganz exemplarisch das Denken, das in unserem weinerlichen Land herrscht: neurotische Selbstverstümmelung als oberster Lebenszweck.

Was haben nun hingegen die USA vor, und wie könnte das funktionieren? Das gegenwärtige Problem ist primär ein Liquiditätsproblem. Viele Institute sitzen auf Papieren, deren Wert nicht exakt bestimmbar ist und für die es keinen funktionierenden Markt gibt. Fast alle dieser Papiere sind immobiliengesichert. Die große Frage ist nun, zu welchem Preis der neue US-Staatsfonds diese Papiere übernimmt. Ich rechne mit einem hohen Diskont. Das heißt, die Finanzinstitute machen Verluste, sind aber sofort wieder liquide und werden es schaffen, diese Verluste abzuschreiben. Der Staat besitzt damit indirekt einen erheblichen Teil des US-Immobilienvermögens. Ist es falsch, dass ein Staat Immobilien in seinem Territorium besitzt? Und wenn es gelingt, sowohl die Finanz- als auch die Immobilienmärkte in der mittleren Sicht zu stabilisieren, werden Papiere, die heute vielleicht zu 40, 50 oder 60 Prozent ihres Nennwertes übernommen werden, vielleicht bald wieder pari stehen. Und die Differenz verbucht der Staat als Einnahme – steuerfrei natürlich ;-)

Wenn man mir die Chance geben würde, Genaueres über die Modalitäten dieses Staatsfonds zu erfahren und mich sogar an diesem Fonds beteiligen zu dürfen, würde ich keinen Moment zögern. Vielleicht hören wir ja bald sogar, dass Warren Buffet sich an diesem Fonds beteiligt. Und ihn vielleicht sogar managt.

Die Amis sind wirklich Teufelskerle. Und gerade als Berliner komme ich hier immer wieder von Neuem ins Staunen und ins Schwärmen. Manchmal muss man die Freiheit tatsächlich mit unfreien Mitteln bekämpfen. Und ich denke, sie werden es auch dieses Mal schaffen. Und wenn wir immer noch im Sumpf unserer selbstanklagenden Untergangswünsche à la Martin Siegel verflochten sein werden, der das deutsche Denken so wundervoll auf den Punkt gebracht hat, wird jenseits des Atlantiks schon längst wieder die Sonne scheinen.

Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.


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Bernd Niquet, Der MADchester-Kapitalismus. Das Buch zur Krise, München 2008, 143 Seiten. 12 Euro, ISBN 978-3-937200-49-1. Jetzt hier bestellen.

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