Von Bernd Niquet
Die Märkte schwanken hin und her – und ich mache weiterhin Urlaub. Ich kann es nur empfehlen: Einfach nicht hinschauen, sondern auf die Chance warten. Erst die Rohstoffsachen hoch und die Aktien herunter, dann das genaue Gegenteil davon, und dann noch ganz anders, denn plötzlich geht alles kreuz und quer, der Euro stürzt und alle Fremdwährungspositionen fangen die Verluste wieder auf. Mal sehen, was den verrückten Märkten in der abgelaufenen Woche wieder eingefallen ist.
Derweil fahre ich über die Straßen unseres Landes. Und dabei merke ich, wie die Situationen sich gleichen. Unsere Straßen können durchaus als Metaphern für das ganze Land gelten:
(1) Dort, wo es auf Autobahnen keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt, dort fließt der Verkehr. Hier läuft es am besten. Hier kommt – im Rahmen des Möglichen – jeder am besten vorwärts. Das alles hat jedoch eine Kehrseite. Denn es ist gefährlich. Wenn es dort Unfälle gibt, dann sind es schwere Unfälle, die vielfach das Leben kosten. Die freie Marktwirtschaft ist effizient, aber absturzgefährdet.
(2) Werden die Autofahrer hingegen aufgrund von rigorosen Geschwindigkeitsbegrenzungen gezwungen, alle ein Tempo zu fahren, wird es eng und gedrängt. Plötzlich ist das Vorwärtskommen nicht mehr so einfach. Alle fahren gleich schnell – und behindern sich dabei gegenseitig im Fortkommen. Würden die Schnellen voraus preschen und die Langsamen zurückbleiben, wäre es in dieser Hinsicht effizienter. Der Vorteil jedoch: Durch den gebremsten Fluss wird die Anzahl schwerer Unfälle signifikant gebremst.
Günstig ist ein derartiges Verkehrsmodell in Zeiten, die in jeder Hinsicht den 60er und 70er Jahren ähneln, in denen es noch nicht so viele Autos gab und niemand so hetzen musste wie heute. Die Soziale Marktwirtschaft gibt Schutz, ist aber piefig und ineffizient.
(3) Eine Überreglementierung durch Verkehrzeichen, bei denen die erlaubten Höchstgeschwindigkeiten beinahe jeden Kilometer wechseln, sowie Blitzkästen in sehr kurzen Abständen, stellen die gefährlichste Variante dar. In Brandenburg bin ich beispielsweise eine Strecke gefahren, da gab es auf 30 Kilometer Länge mindestens zwanzig bis fünfundzwanzig Blitzkästen, auch dann, wenn keine Geschwindigkeitsbegrenzung durch Verkehrsschilder angezeigt war – sowie Hunderte verschiedener Wechsel der Höchstgeschwindigkeit. Vielleicht müssen in Brandenburg die Menschen so an der Kandare gehalten werden – ich jedoch habe beobachtet, dass ich noch niemals in meinem Leben so wenig auf den Straßenverkehr geachtet habe wie hier. Normalerweise fahre ich nach Gefühl, doch hier war meine ganze Aufmerksamkeit auf die Verbote und die Kontrollen zu deren Durchsetzung fokussiert.
Ein derartiger Obrigkeitsstaat mit bürokratischen durchsetzbaren Vorschriften lenkt die Bürger in gefährlicher Weise vom Wesentlichen ab. Er versucht alles zu regeln, würgt dabei jedoch das eigene Potenzial und die Eigenverantwortlichkeit seiner Bürger ab. In einer derartigen Vorschriftengesellschaft sind letztlich individuelle Entscheidungen nicht mehr erforderlich. Jeder bekommt jede Minute gesagt, was er zu tun und zu lassen hat. Und von dieser Sozialhilfe ist niemand mehr auszuschließen. Jetzt bekommen alle Sozialhilfe.
Anregungen oder Kritik bitte an Bernd Niquet.
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Bernd Niquet, Der MADchester-Kapitalismus. Das Buch zur Krise, München 2008, 143 Seiten. 12 Euro, ISBN 978-3-937200-49-1. Jetzt hier bestellen.









